Ist das ein Beispiel jener in jüngster Zeit oft geforderten massenwirksamen und fortschrittlichen Literatur, die sich nicht mehr als Kritik in die tatsächlichen Verhältnisse bindet, sondern sie mit kühnem Gegenentwurf überspielt?

Das Schlußbild der "Liebesfakultät" gibt sich diesen Anschein. Und in seinem Vorwort in "Barbara" sagt Maurice Girodias, der französische Verleger der Olympia Press, daß dieses Buch die Bedeutung eines Vorzeichens habe. Es kündigeeinefreiere, menschenwürdige Zukunft an, die für die "geheime asoziale Elite", die in diesem Buch dargestellt werde, schon Wirklichkeit sei. Die "Internationale der Jugend", meint er, habe die Lust zum elementaren Menschenrecht erklärt. "Lust, verstanden als Gegensatz zu den jüdisch-christlich-marxistischen Wertvorstellungen von Arbeit, Pflicht, Rangordnung, Gehorsam, Familie, Vaterland, Krieg und Langeweile. Lust ist Zeichen für alles, das positiv, schöpferisch und schön an der menschlichen Natur ist." "Glück", sagt er, definiert sich quantitativ und qualitativ in den Momenten der Lust, die man empfindet, empfängt und gibt. Und: "Es gibt kein politisches Ziel auf der Welt, welches wert wäre, daß ihm eine Minute menschlichen Glücks geopfert würde."

Dieser etwas pauschal hochgemute Text hat natürlich die Funktion, einer unterdrückten Literatur und ihren unsicheren Konsumenten eine Rationalisierung zu liefern. Er tut das, indem er Gedanken von Herbert Marcuse, Wilhelm Reich, Norman O. Brown und Leslie Fiedler zu einer glatten Einheitsargumentation verkocht, in der die Widersprüche der Sache selbst verschwunden sind.

Aber ob das Vorwort nun mehr der Taktik oder mehr dem Glauben entstammt – es hat auf jeden Fall programmatischen Charakter. Die sexuelle Revolution wird darin als Beginn und Maßstab der Revolution überhaupt verstanden und die typischen Ereignisfolgen der pornographischen Romane als deren Modell.

Das ist interessant genug, um sie daraufhin zu lesen. Was wird durchgespielt, was erscheint darin?

Die pornographische Phantasie ist ja ähnlich wie der Tagtraum ein fiktives Handeln, das in der Praxis gesperrte Antriebe an Attrappen auszuleben versucht. Und da in diesem Gehirnkino der Bewährungsdruck und also auch die Vermeidungsängste nicht aktualisiert sind, tut sie das mit äußerster Konsequenz. Es sind Entfesselungsträume von Gefesselten, deren infantile Radikalität etwas Aufsässiges hat, ganz im Gegensatz zu den Beschwichtigungsstrategien der trivialen Liebesromane.

Während dort immer ein zunächst wenigstens scheinbar freies energetisches Potential gesellschaftlich integriert wird, spielt die pornographische Phantasie die vollständige Freisetzung aller institutionell und moralisch gebundenen Triebkräfte durch. Es gibt zwar auch pornographische Romane, die sich den alten Erzählrahmen vom Liebesroman borgen, etwa so, daß jemand nach einer Serie von sexuellen Orgien mit wechselnden Partnern zum guten Ende doch einen einzigen lieben lernt und heiratet (zum Beispiel Carl Ross, "Ekstase", Olympia Press) oder daß Schwangerschaft kurz vor Romanschluß einen neuen Lebensernst andeutet (zum Beispiel Diane di Prima, "High! – Memoiren eines Beatmädchens", Olympia Press), aber das sind Beliebigkeiten, keine strukturell notwendigen Lösungen, und sie sollen auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Romane nur das Interesse an der Häufung sexueller Vorgänge bedienen wollen.