Das ist, wie Erik H. Erikson in seinem Buch "Kindheit und Gesellschaft" deutlich gemacht hat, "im großen Maßstab weder eine einzelmenschliche noch auch eine therapeutische Aufgabe", sondern setzt eine neue Kultur voraus, die auch eine neue Kultur der Sexualität wäre.

Davon ist heute unter dem Eindruck der wachsenden Möglichkeiten ein unklares Bewußtsein da, aber die Institutionen der Sozialisation – Familie, Schule, Arbeitswelt – halten die Anfänge einer Kultur der Sinnlichkeit und des Überflusses in engem Rahmen fest, und die Sexwelle als Schein der Befreiung vermehrt nur die Phantome der Ersatzlust.

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Pornographie ist ein Produkt dieser Situation. Die Wünsche wuchern, weil sie sich nicht lösen können, und je größer die Kluft zwischen Phantasie und Praxis wird, desto suchtartiger wird das Bedürfnis nach ihrer illusionären Überbrückung. Das ist ein Zirkel, in dem sich das Wünschen durch Überdrehung leerspielt und formalisiert.

Sieht man unter der Perspektive des Werdens Henry Millers autobiographischen Roman "Sexus", John Updikes Gesellschaftsroman "Ehepaare" und durchschnittliche pornographische Romane an, dann kann man in der Reihenfolge dieser Aufzählung trotz der Ähnlichkeit der in allen Büchern dargestellten sexuellen Handlungen eine fortschreitende Verarmung und Erstarrung feststellen.

Bei Miller ist die exzessive Sexualität mit all ihren infantilen Zügen der Ausdruck einer Gärung, die die ganze Person erfaßt und ihre gesamte Umwelt in chaotische Bewegung bringt, bei Updike spielt sich ein vergleichbarer Vorgang, ein Partnerwechsel, sehr viel bescheidener und angepaßter innerhalb gegebener Verhältnisse ab, im pornographischen Roman ist überhaupt keine glaubhafte Person da, die eine Erfahrung machen könnte, sondern hier rollt zwischen beliebigen Figuranten im Schema des Action-Romans eine Sequenz von sexuellen Handlungen ab, die durch quantitative Steigerung und ausgeklügelte Variation ihren inneren Stillstand zu verschleiern sucht.

Der Wiederholungszwang beherrscht das Genre, und darin ist es das genaue Abbild der Psychologie seiner Konsumenten. Sie hängen an ihren Fixierungen fest, denn sonst müßte es ihnen unmöglich sein, immer wieder zu denselben ritualisierten Phantasiespielen zurückzukehren. Gelegentlich gibt es zwar Romane, die von der Seriennorm abweichen, indem sie, wie zum Beispiel bei der Darstellung einer Nymphomanin (Alex Austin, "Eleanore", Olympia Press), die Kernszenen üppig in Milieu einbetten und mit existentieller Problematik durchtränken, aber das gerät zum mythischen Schwulst und wird von der Ungeduld der Leser, die die wirklichen Stellen suchen, sicher überblättert.

Diese Ungeduld ist das drängende und gesperrte Werdenspotential. Es kann nicht zur Ruhe kommen, es will seine Befreiung konstruieren, es ist immer auf der Suche. Aber der Wiederholungszwang, in den es verhakt ist, bewirkt wie beim Urbild des Genres, den Schriften des Marquis de Sade, daß der pornographischen Phantasie das Fleisch von den Knochen fällt und im vermeintlichen Arkadien sich das dürre Gespenst der Sublimierung zeigt, die Geometrie.