Was der Titel verspricht, nämlich Dokumente und Berichte aus jenem Frankfurter Viertel Westend, das als Beispiel für westdeutsche Bodenspekulation und Mietwucher inzwischen eine böse Berühmtheit erlangt hat – dieses so brisante Thema wird hier nur am Rande behandelt, als Eröffnungsthema, wie mir scheint, zu kurz, zu schnell verschenkt. Die Broschüre erweist sich, nüchtern gesehen, als eine Sammlung von fünf Funktexten, geschrieben von zwei engagierten Mitspielern der Frankfurter Studentendemonstrationen in den Jahren 1968/69 –

Helga M. Novak/Horst Karasek: "Wohnhaft im Westend", Dokumente, Berichte, Konversation: Luchterhand Verlag, Neuwied; 85 S., 6,80 DM.

Trotzdem ist diese Broschüre lesenswert, ja, wie mir scheint, in hohem Maße aufschlußreich. Nicht so sehr durch das, was sie sachlich dokumentieren will. Die Ereignisse sind durchweg bekannt und zum Teil schon wieder vergessen, verständlicherweise. Aber man kann an Hand dieser Texte Einblicke und Rückschlüsse ungewohnlicher Art gewinnen: So also sah das damals aus in den Köpfen der Demonstranten? [Wenn man will, kann man diese Dokumente gleichsam in Spiegelschrift lesen als Selbstdarstellung der "unruhigen Jugend". Glanz und Elend der Studentenrevolte werden dann verblüffend deutlich: Wie diese Protestbewegung mit sehr guten, vernünftigen Gründen begann als Empörung und Emanzipationsversuch gegenüber den autoritären Strukturen hierzulande, wie sie sich langsam festlief, im Festlaufen eskalierte, terroristische Einzelzüge annahm, auf dem Höhepunkt zerfiel, teils in infantile Omnipotenzphantasien, teils in komplizierte und wilde sprachliche Kraftakte, dann aber auch in private Wehleidigkeit umschlug, um schließlich einem Frustrationserlebnis Platz zu machen, das von Katzenjammer nicht mehr weit entfernt ist – diese Fieberkurve der Studentenrevolte, die ja bekannt ist, ist hier präzis fixiert.

Ich bin allerdings nicht sicher, ob das die Absicht der Autoren war, oder doch? Sollte ich ihre Selbstkritik unterschätzen?

Der kleine Eröffnungsbericht, nur acht Seiten lang, der dem Band den Titel gab, scheint mir vorzüglich. In nüchternen, knappen Stenogrammen und Protokollen werden die Mechanismen einer "Rechtsordnung" bloßgelegt, die angesichts privatkapitalistischer Aneignungsformen auf dem Wohnungsmarkt sich als leere Formalismen, als kaum noch verhüllte Form der Ausbeutung darstellen.

Statt aber hier nachzufassen, über die private Einzelerfahrung hinaus zu recherchieren. ein solches Problem auszuleuchten, wie es etwa Günter Wallraff getan hätte, kommt schon mit dem nächsten Bericht "Kaffeestunde in Frankfurt" ein Zug von selbstgefälliger Randalierlust in den Emanzipationsprozeß. Es geht hier um den heute längst vergessenen Zusammenstoß von Studenten mit einem Frankfurter Caféhausbesitzer, der vor zwei Jahren einige Schlagzeilen in der Lokalpresse machte. Natürlich haben die Autoren recht, wenn sie in dem Unmut des Hausherrn, und seiner Stammgäste gegen "die Langhaarigen" miese, kleinbürgerliche Ressentiments wittern. Ob aber die Reaktion der Aufsässigen ("Helga, sagt, holen Sie Ihren Chef, der kriegt seinen eigenen Kuchen ins Gesicht") ein Akt politischer Intelligenz ist, darf bezweifelt werden.

Die Eskalation beginnt. Bericht drei und vier stellen inneruniversitäre Konflikte dar. "Hammelsprung – eine demokratische Gebärde" beschreibt eine der vielen Vollversammlungen der Studenten, die über die Fortsetzung des Studentenstreiks wegen der Kürzung der Lehrerausbildung, wie sie der Erlaß des hessischen Kultusministers Schütte anordnete, befinden sollten. Das Wahlverfahren, das nach demokratischer Mehrheitsregel zu dem Ergebnis kommt, den Streik nicht fortzusetzen, wird von den Autoren als "demokratische Gebärde" abqualifiziert.