Von Otto F. Beer

George Saiko war ein Autor, der es seinen Lesern nicht leicht machte. Er liebte Riesenformate, aber das hatte er mit anderen österreichischen Romanciers gemein, die sich im Unterschied zu ihm inzwischen durchgesetzt haben: Musil, Broch, Doderer. Saiko gehört in ihre geistige Landschaft. Daß er ein wenig spröde und unzugänglich war, verbindet ihn eher mit ihnen. 1892 in Nordböhmen geboren, hat er seine beiden wichtigsten Romane erst nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebracht, als er bereits um die fünfzig war. Da bot sich für einen Romancier das Thema von selbst an: der Untergang jener Gesellschaft, die nach dem Ende der Donaumonarchie orientierungslos dahintrieb und mit der Zeit so wenig anzufangen wußte wie diese mit ihr. Davon handelt der Band, dem nun eine Schweizer Edition den Platz verschaffen möchte, der ihm zukommt –

George Saiko: "Auf dem Floß"; Benziger Verlag, Zürich; 574 S., 25,– DM.

Die Landschaft, in der wir uns hier bewegen, Ist nicht genau fixiert; sie ist wohl zwischen Österreich und Ungarn anzunehmen. Aus den Karpathen hat der Fürst, um den dieser Roman kreist, ein wahres Monstrum heimgebracht, den Riesen Joschko, geistig etwas beschränkt, aber von legendärer Körperkraft. Er hält ihn als sein Faktotum, und als es mit Joschko zu Ende geht, denkt der Gutsherr daran, ihn nach seinem Tod mumifizieren zu lassen und in einem Glaskasten inmitten der Schloßhalle aufzustellen – dort, wo die Jagdtrophäen stehen. Daß die Kräfte dieses Riesen so rapide verfallen, liegt freilich daran, daß es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Zigeunerin Marischka, früher zu der Ehre ausersehen, das Bett des Fürsten zu teilen, war kurzerhand mit Joschko vermählt worden. Aber sie hält es mit dem ungarischen Herrschaftschauffeur, der Joschko seine riesenhafte Statur, seine goldstrotzende Uniform und seine Position im Hause neidete. Langsam wird der Riese vergiftet. Am Ende flüchtet das verbrecherische Paar, sucht Schutz bei den Zigeunern, die zwar ihre Landsmännin aufnehmen, den Chauffeur aber zugrundegehen lassen.

Aber die Spannung zwischen dem Fürsten und dem Kraftmenschen, in dem jener so etwas wie eine Abspaltung seines eigenen, von den Zeitläufen angeschlagenen Ichs erblickt, ist nur einer der Drehpunkte dieses Bildes einer untergehenden Gesellschaft.

Die Gutsnachbarin des Fürsten kehrt von einem sorglosen Rivieradasein heim, wird von ihm eine Weile entschlußlos umkreist, bis sie sich einem anderen Mann zuwendet, einem russischen Emigranten, der wie sie aus Paris kommt und den Untergang seiner Schicht schon eine Weile früher durchgemacht hat. Ihre halbwüchsige Tochter ist es schließlich, die zu heiraten sich der aristokratische Zauderer entschließt, als sein bischöflicher Bruder ihn wieder einmal drängt, doch endlich zu heiraten.

Er ist kein Tatmensch, ist ein Mann ohne Eigenschaften, ist ein Nachfahre von Hofmannsthals Schwierigem, dem die Worte ebenso schwer von den Lippen kommen und der gleichfalls dazu neigt, die geliebte Frau ziehen zu lassen, um sich nicht entscheiden zu müssen. "Die Überlegenheit einer ganz unfragwürdigen Lebensordnung" ist für diese Menschen auf dem Floß längst fragwürdig geworden. Während es mit ihnen bergab geht, sind auch die zwischenmenschlichen Beziehungen ins Gleiten gekommen.