Von Peter Urban

Schön mit ihren zwischen 1957 und 1960 entstandenen "Geschichten ohne Zusammenhang" hat Vera Linhartova klargestellt, welche Erwartungen ihrer Leser sie ganz bestimmt nicht erfüllen würde: Wer das schmale Bändchen etwa bei "Reise in die Berge" aufschlägt und tun auf harzduftende Impressionen aus der Hohen Tatra gefaßt ist, sieht sich genarrt; porträtiert wird sachlich und kühl eine Art Totenhäus, ein Sanatorium, das (wenigstens so viel zum Thema Berge) "auf einer Anhöhe über der Stadt" liegt und von einem Arzt geleitet wird, mit dessen Position es "insofern eine besondere Bewandtnis hat, als es in dieser Anstalt niemanden gab, der hätte geheilt werden können". Eingeliefert werden Kranke, die man andernorts bereits als unheilbar aufgegeben hat.

Immerhin: dieser Text ist eine klassische Schilderung innerhalb fest umrissener erzählerischer Koordinaten – ein klar definierter Raum wird beschrieben, psychologische Situationen, etwa des leitenden Arztes, werden durchleuchtet, ein Tagesablauf wird fixiert. In den folgenden Arbeiten der Autorin geraten die Fiktion bildenden Elemente der realistischen Erzählung mehr und mehr in den Hintergrund; an ihre Stelle tritt die Reflexion, und zwar nicht nur Reflexion dessen, was erzählt werden soll und, auf unverwechselbare Weise, dann auch erzählt wird, sondern vor allem auch Reflexion der erzählerischen Möglichkeiten und Mittel. Die ohnehin nur noch rudimentär bestehende Handlungslinie, die Story, wird fortlaufend unterbrochen durch abstrakt-essayistische Digressionen, Episoden und ironisch-verspielte Abschweifungen, die nicht nur das Ende der Geschichte hinauszögern, sondern bewußt auch den Eindruck zerstören, hier werde versucht, dem Leser irgendeine objektive Realität vorzugaukeln.

Die einzige Realität, die Vera Linhartova anerkennt, ist ihre eigene: die subjektive des Erzählers, die Sprache und schließlich der Zweifel an beidem. Erzählen stellt sich dar als Prozeß, polemisch insofern, als sich die Worte mit ihrem vorgefertigten Bedeutungskraftfeld den Intentionen des Erzählens widersetzen.

"Was wir aussagen können, geht in Worte ein. Die Worte stellen sich zwischen uns und unsere Vorstellung, die uns bisher umgeben hat, wie ein neues und unabhängiges Element, wie ein dritter Partner im Spiel. Langsam kommen sie herbei und reihen sich aneinander, eines ans andere; sie bilden einen durchsichtigen Vorhang, von dem man nicht sagen kann, ob er uns mit unserer Vorstellung verbindet oder ob er uns von ihr trennt... Worte können eine Brücke bilden, über die wir zu einer Vorstellung gelangen; sie können aber auch zur Mauer werden, die uns hindert, jene zu erfassen."

Suchte man nach einem gemeinsamen Nenrer für das Schreiben von Vera Linhartova, so kämen diese Sätze wohl ernsthaft in Betradit. Als sie 1964 als Vorspruch zu ihrem ersten Prosaband erschienen, kamen sie noch recht programmatisch daher, und doch waren sie bereits eingelöst – am reinsten wohl durch das Prosa-Triptychon

Vera Linhartová: "Haus weit", aus dem Tschechischen von Konrad Balder Schäuffelen und Tamara Kafková; edition suhrkamp 416, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 101 S., 4,– DM