Günter Grass hat einer Gruppe von Frankfurter Kulturpolitikern, die sich während einer Informationsreise in Berlin aufhielten, bei einem gemeinsamen Essen zwischen Hauptgang und Nachtisch beiläufig mitgeteilt, daß er dem Frankfurter Theater künftig nicht mehr als Berater zur Seite stehen werde. Die Nachricht ist in Kreisen des Theaters schon seit einiger Zeit erwartet worden, dem Intendanten Ulrich Erfurth soll bereits seit Ende September bekannt sein, daß Grass an einer Mitarbeit nicht länger interessiert ist.

Der Schriftsteller begründet seinen Auszug (dem freilich nie ein rechter Einzug vorausgegangen war, Grass erschien nur sehr sporadisch in Frankfurt) mit dem Hinweis auf Versäumnisse des Intendanten und seines Schauspieldirektors Richard Münch: Es sei nicht, wie geplant, ein Dramaturgenkollegium eingerichtet und eine systematische Ensemblebildung sei auch nicht betrieben worden. Grass will erst jetzt von lange vorliegenden Verträgen mit Elisabeth Flickenschiidt und Antje Weisgerber erfahren haben; er interpretiert diese Verträge als den Versuch, in Frankfurt "Startheater" zu machen und das Schauspiel mit alten Namen aus seiner notorischen Krise herauszubringen. Er, Grass, wolle da nicht mittun.

Als Grass sich vor einem Jahr den Frankfurter Theaterleuten als dramaturgischer Berater anbot, schien das zunächst ein erster Erfolg (und ein Prestigegewinn) für den neuen Schauspieldirektor Richard Münch. Es zeigte sich allerdings bald, daß die Grass zugedachte Position eines Beraters sich nachteilig auswirkte vor allem bei der Suche nach einem Dramaturgen für Münch. Keiner war zu finden, der im Schatten des renommierten Dichters und Politikers zu dessen Vollzugsbeamten, werden mochte. Das Theater blieb ohne Dramaturgie. Wenn Grass nun glaubt, die Intendanz für diesen Mißstand verantwortlich machen zu müssen, irrt er. Er wollte bei seltenen Besuchen Richtlinien festlegen, nach denen andere dann handeln sollten. Das hatte blockierende Wirkung.

Was hat Grass in Frankfurt erreicht? Gewiß wird er sich ein erweitertes Mitbestimmungsabkommen zugute halten, das das Ensemble gegen die Intendanz stärken soll, zugleich aber, ein juristisches Kuriosum, die Intendanz als Schiedsstelle dafür akzeptiert, ob das Papier sinngemäß ausgelegt wird. Dieser merkwürdige Vertrag wäre jedoch auch ohne Grass, vielleicht nur ein wenig später, zustandegekommen. Der Berater hat außerdem Pläne für verschiedene Beiprogramme entwickelt, welche die intendierte aufklärerische Tendenz des Spielplans (sie wurde bislang nicht sichtbar) durch Vorträge und Lesungen stützen sollten. Der Erzähler Herbert Heckmann hat, offenbar aus Solidarität zu Grass, einen solchen Vortrag zu übernehmen, schon rückgängig gemacht. Rückgängig gemacht wurde inzwischen auch der Plan von Grass, Borcherts "Draußen vor der Tür" einmal von Profis des Theaters, dann von einer Schülergruppe spielen zu lassen. So bleibt als Spur der Tätigkeit von Grass in Frankfurt kaum mehr als die von ihm gegen einigen Widerstand im Haus durchgesetzten Entwürfe für die Programmhefte von Schauspiel und Oper: in Aufmachung und Layout an Schwimmbad-Reklamen vor der Währungsreform erinnernde, beispiellos mißratene Versuche der Werbung für die Arbeit des Theaters.

Dennoch hat die Kündigung des Beraters die Öffentlichkeit in Frankfurt nun abermals auf die Dauerkrise der Städtischen Bühnen aufmerksam gemacht. Der eben eingeführte Kulturdezernent Hilmar Hoffmann ist der Intendanz beigesprungen und hat Grass als "nicht integrierbaren Star" angegriffen, der der Verantwortung ausweiche, wenn es schwierig werde; Teamarbeit sei eben nicht per Telephon möglich. Ulrich Erfurth selber ist milder, er erklärte vorsichtig, Grass habe "zu theaterunpraktisch gedacht und gehandelt". Gleichwohl, so Erfurth, betrachte er Grass nach wie vor als "dem Theater zugehörig". So allerdings hat der Intendant stets auch die Misere seiner Bühne gesehen: Es gibt sie nicht, und darum machen wir froh weiter.

Ein neuer Schlag, sicher folgenreicher als der Weggang von Grass, hat das Haus inzwischen getroffen. Der technische Direktor Walter Huneke, ohne Zweifel einer der besten seines Fachs, verläßt Frankfurt mit Ende dieser Spielzeit. Zurück bleiben Erfurth und Münch, schwimmend in ihrem Meer von Plagen. Aber sie nennen es wohl auch weiterhin: ihren pazifischen Ozean.

Peter Iden