Von Lorenz Stucki

Die Methode des Guerillakrieges führte im chinesischen Bürgerkrieg, in Vietnam gegen die französische Kolonialmacht und in Kuba gegen den allgemein verhaßten Diktator Batista zum Erfolg. Wer die viel zahlreicheren Beispiele des Mißerfolges vergißt, neigt leicht dazu, diese Methode für ein unfehlbares Mittel der Revolution, zumindest in unterentwickelten Ländern, zu halten. Ihre Anhänger – Kommunisten und "linke" Priester – sehen in jedem privatwirtschaftlichen System à priori ein System der Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes und sind deshalb überzeugt, daß alle Völker Lateinamerikas (die Kubaner ausgenommen) bewußt oder unbewußt die Revolution wünschen und zum "Volksbefreiungskrieg" lediglich organisiert zu werden brauchen.

Den Guerillakrieg verstehen sie als Kampf einer bewaffneten "Vorhut" im Namen und mit Unterstützung der breiten Massen der Bevölkerung. Daß die Massen anders empfinden könnten, scheidet aus Glaubensgründen als Möglichkeit aus. Was nach Dogma und Vorurteil wahr sein muß, bedarf keines weiteren Beweises.

Mao Tse-tung lehrte, der Guerillakämpfer sei der "Fisch", das Volk das "Wasser": wenn die Fische in einem ihnen günstigen Wasser schwimmen können, gedeihen sie und vermehren sich. Und Ché Guevara schreibt in seinem 1960 erschienenen Büchlein "La Guerra de Guerillas": "Der Guerillero kann also mit der vollen Unterstützung. der Bevölkerung der Gegend rechnen. Das ist eine Bedingung sine qua non." Er stellt den Guerilleros die bloßen "bandoleros" gegenüber, Räuberbanden, die sich genau wie jene verhalten können, denen aber die Unterstützung des Volkes fehlt. "Unvermeidlicherweise werden sie von der öffentlichen Gewalt gefangengenommen oder vernichtet."

In den meisten südamerikanischen Ländern wurden Versuche unternommen, nach Vietcongmuster eine Guerillaorganisation auf dem Land aufzubauen und mit Hilfe der bäuerlichen Campesinos den revolutionären Krieg gegen das herrschende Regime zu entfachen. Sie sind praktisch überall gescheitert, obwohl das Gelände sowohl in den Dschungeln wie in den unzugänglichen Gebirgen der Kordilleren geradezu ideale Voraussetzungen bot. Die Akzentverschiebung der letzten zwei Jahre vom ländlichen zu einem städtischen Guerillakrieg der Überfälle und Entführungen ist erst die Konsequenz jenes Mißerfolges. Warum schlugen all jene Unternehmungen, zu denen Mao Ts-tung, der Vietnamese Giap und der aus Argentinien gebürtige Kubaner Guevara ein reiches Material an Theorie und praktischen Erfahrungen geliefert hatten, wider Erwarten fehl?

"Ché" (das ist der Spitzname für "Argentinier") Guevara, zuvor wenig erfolgreicher Industrieminister der Regierung Fidel Castro, ging 1966 nach Bolivien, um dort den Guerillakrieg nach den Rezepten seiner eigenen Broschüre zu organisieren. Der Versuch endete im Oktober 1967 mit seinem Tod. Sein Tagebuch wurde aus Bolivien nach Kuba geschmuggelt und dort veröffentlicht, ist aber heute in den meisten südamerikanischen Ländern im Buchhandel zu finden.

Die Lektüre, obwohl sehr eintönig und langweilig, empfiehlt sich jedem, der von ähnlichen Taten träumt. Man erfährt daraus, daß der Kern der kleinen Gruppe ausschließlich aus Kubanern bestand, die per Radio mit Havana in Verbindung blieben und vom Chef Guevara mit eiserner Autorität kommandiert und nicht etwa nach "Kommune"-Art als gleichberechtigt behandelt wurden. Den wenigen Bolivianern, die zu ihnen stießen, begegneten sie mit Mißtrauen, und mit der Kommunistischen Partei Boliviens verfeindeten sie sich, weil sie – vergeblich – ihre Unterordnung verlangte. Vor allem aber: die einheimische Bevölkerung in dem wenig besiedelten, unwegsamen Gebiet südlich von Santa Cruz verhielt sich so abweisend, daß sie es ängstlichst vermeiden mußten, von einem jener Campesinos, die sie doch befreien wollten, auch nur entdeckt zu werden.