Das Wort "Liebestechnik" hat einen freimütigen, hat einen aufklärerischen Klang. Seit van der Velde die Bruchstellen der Institution Ehe kitten wollte, indem er die Partner,"variatio delectat", zum Positions-Turnen ermunterte, um den Frauen die Frigidität und den Männern aushäusige Lust auszutreiben, ist die Kunst zu lieben längst zum Leistungssport geworden: Mit dem Licht, das in das Schlafzimmer fallen sollte, fiel auch der Leistungszwang ein. Wer Kolle für Aufklärung hält, sollte sich überlegen, daß all die inflationistisch feilgebotenen Gebrauchsanleitungen aus dem "Akt" eine dauernd unter den Augen der Öffentlichkeit heimlich vollzogene Olympiade machen, die das Motto "Schneller, höher, weiter!" nur unwesentlich variiert und durch andere Komparative ersetzt.

Dieser "Leistungszwang", den Amendt in seiner "Sexfront" mit Recht mit der übrigen kapitalistischen Praxis in Zusammenhang bringt, geht – ein Blick in jeden Beate-Uhse-Laden genügt – mit der "Prothesen"-Funktion der Konsum-Industrie Hand in Hand. Wo eine Lücke ist, da ist auch, ein Markt: Der Groschen, in den Bettschlitz eingeworfen, versetzt dasselbe in manchem Hotelzimmer schon lange in schaukelnde Bewegung – warum sollte die Technik nicht auch der Liebe unter die Arme (oder sonstwohin) greifen?

Tomi Ungerers "Fornicon" (das Wort, das auf das lateinische fornix zurückgeht, wo es zunächst den dunklen Brückenbogen, dann die unter demselben ausgeübte Prostitution meinte, drückt als verbale Ableitung im Englischen das deutsche "beischlafen" aus) ist ein kühner, verzweifelter, satirischer Ausdruck einer technischen Liebes weit. Während andere optimistisch glauben, daß das befreit wird, worüber man sich inzwischen doch so: frei äußern könne, führen Ungerers Cartoons den pessimistischen Nachweis, wie sehr der Sex veräußert wurde. Ungerer hat das, was der Bewußtseinsindustrie in die Hände gefallen ist, der Industrie in die Pfoten fallen lassen. Die uns einreden wollten und eingeredet haben, die Liebe sei nur eine Funktion ihrer Mechanik, werden hier bildlich beim Wort genommen. Computer rechnen schneller, Tomi Ungerers raffinierte Liebesmaschinen lieben und befriedigen besser. Nie war der Orgasmus eindeutiger als Zielmarke des sogenannten Siebten Himmels. Das Wort Lustgewinn wird hier rücksichtslos ausgebeutet: Gewinn hat der Verkäufer, der Sex als room-service vermietet, die Genitalien kommen als Staubsauger frei Haus, und wen die Kälte der Technik stört, der kann – dies eine besonders ätzende zeichnerische Vision Ungerers - während er sich ihrer bedient, auf einem Bildschirm das Sex im Medienverbund also.

Ungerers Frauen, denen Rutschbahnen der Lust gebaut, und Mehrzweckgeräte für alle denkbaren Körperöffnungen geliefert werden, sind den brutal-reduzierten Umrissen der Science-Fiction-Comics-Heldinnen angenähert: Barbarellas an der Sex-Front, die Technik als einziges übriggebliebenes Abenteuer. Was Kulturpessimisten und Zivilisationskritiker an der Ferienindustrie, an den Fernsehgewohnheiten schon lange ablesen, wird hier auf die Intimsphäre übertragen. Und der traumatische Schock entsteht auch dadurch, daß diese Bilder Gegenbilder sind. Gegenbilder zu jenem Intimkitsch der Photographie, der die technischen Gebrauchsanweisungen der Illusion der Heimlichkeit zurückverkaufen möchte.

Der Zusammenhang zwischen Privatheit und ihrer industriellen Ausbeutung könnte jedenfalls nicht besser ausgedrückt werden als mit Ungerers Zeichnungen: "Fornicon" ist ein einziger Hohn auf eine proklamierte Scheinfreiheit, die sich eine Industrie sofort in ihren Dienst gestellt hat. Gerade da, wo Ungerer die Vorgänge der Lust zu "technischen Zeichnungen" aufs Millimeter-Papier zeichnet – so als handelte es sich um Radioröhren oder um den Grundriß einer Turbine –, erweist er sich als (schwarzer) Romantiker: einer, der erschreckt bemerkt, daß aus dem Garten der Lüste ein technisches Triebwerk geworden ist. (Tomi Ungerer: "Fornicon", Vorwort von Walther Killy; Diogenes Verlag, Zürich; 132 S., 60,– DM) Hellmuth Karasek