Von Franz C. Widmer

Rolls-Royce? Bis vor wenigen Monaten noch dachten dabei selbst gutinformierte Briten nur an das sprichwörtliche Ticken der elektrischen Uhr in den Hunderttausend-Mark-Karossen für Kaiser und Könige. Dann, im April dieses Jahres, vernahm man mit einer Überraschung, daß auch das schönste Blech Kratzer und Beulen erhalten hatte. Bei Rolls-Royce, so witzelte damals die City, tickt nicht nur die Uhr, sondern auch eine Zeitbombe.

Doch "die besten Techniker Europas" (Daily Mirror) nahmen ihre "finanzielle Klemme", wie sie sagten, nicht sonderlich tragisch. Das Top-Management sprach von "technischen Problemen", nahm von der Regierung dankbar einen "Überbrückungskredit" von zehn Millionen Pfund entgegen, erhöhte sich selbst noch schnell die Gehälter und trank fortan – als Zeichen äußerster Sparsamkeit – den traditionellen Tee nur noch aus Pappbechern.

Im nordenglischen Derby, dem Rolls-Royce-Hauptquartier, und in den über die ganze Insel verstreuten Zweigbetrieben aber änderte sich wenig: 85 000 Beschäftigte bastelten weiter, die Führungskräfte bastelten mit, und Englands Stolz produzierte weiterhin die besten Autos – zehn Prozent des Konzernumsatzes von 300 Millionen Pfund – und die besten Flugzeugmotoren der Welt. Anlageberater wurden nicht müde, die R-R-Aktie als Papier mit großen Wachstumschancen anzupreisen, "sobald der finanzielle Engpaß überwunden ist".

Die Zeitbombe aber tickte weiter, und zur Explosion kam es schließlich am 11. November. Allein im ersten Halbjahr 1970, so teilte die Unternehmensleitung lakonisch mit, habe Rolls über drei Millionen Pfund verloren; 35 Millionen werde man in den nächsten zwei Jahren einbüßen, und vorsorglicherweise rechne man mit weiteren Ausgaben in Höhe von zehn Millionen Pfund: insgesamt also 48,1 Millionen Pfund (oder 410 Millionen Mark).

Der Gouverneur der Bank of England, der britischen Notenbank, begab sich persönlich auf die Bettelreise, doch die City-Bankiers zeigten kein Vertrauen mehr und steuerten nur "lumpige" 18 Millionen Pfund zur Katastrophenhilfe bei. Theoretisch stand Rolls-Royce vor dem Bankrott, und Premierminister Heaths großer Gegenspieler in der Konservativen Partei, der gemeinhin nur als Rassenfanatiker bekannte Champion des "freien Unternehmertums", Enoch Powell, hätte das Unternehmen auch gern in die Luft fliegen sehen.

Nicht so aber die Tory-Regierung. "Lahme Enten", so hatte sie zwar auf ihr Banner geschrieben, werde sie nicht mehr nach dem Vorbild ihrer Vorgänger um jeden Preis durchfüttern. Beim britischen Nationalsymbol müsse sie jedoch eine Ausnahme machen. Der Konzern erhält nun weitere 42 Millionen Pfund und damit auch gleich einen neuen Boß.