Von Dieter E.Zimmer

1. Eine Reihe von Essays und Rezensionen auf den folgenden Seiten befaßt sich mit einem Gegenstand, der einen erheblichen Teil der gesamten Buchproduktion ausmacht: mit Pornographie, mit sogenannter Aufklärungsliteratur, mit Sex als Buch. Die Vorurteile sind diesen Seiten also sicher. Denn wie auch immer, sie berühren die Leser an einem ihrer empfindlichsten Punkte, an ihrer Sexualmoral. Und die ist, nach den Worten des Biologen Gordon Rattray Taylor, "überhaupt keine Moral", sondern "ein Mischmasch von Verhaltensweisen, die aus der Vergangenheit stammen und auf denen ein wackliges und widerspruchsvolles System von Gesetzen und Verboten errichtet wurde. Einige dieser uralten Bruchstücke kommen aus vorchristlicher Zeit, einige sind magischen Ursprungs, andere wieder stützen sich auf irrige wissenschaftliche Annahmen und wieder andere sind aus heuen Interpretationen alter Gesetze entstanden, die ursprünglich einem ganz anderen Sinn dienten" ("Im Garten der Lüste", G. B. Fischer Verlag 1970).

2. Es sind viele Anstrengungen gemacht worden, pornographische und obszöne und erotische Literatur voneinander abzugrenzen, zum Nutzen der einen, zum Schaden der anderen. Das kann man machen; aber solche Definitionen bleiben willkürlich und unverbindlich, und nichts wird verhindern, daß der eine etwa zur (üblen) Pornographie zählt, was der andere gerade als erotische Literatur gerettet zu haben glaubte.

3. Also muß sich alle Literatur, die vorwiegend oder ausschließlich sexuelle Handlungen und Vorstellungen beschreibt, und zwar in einer Weise, die in der jeweiligen Gesellschaft ein gewisses Quantum Anstoß erregt, darauf gefaßt machen, als Pornographie eingestuft und angegriffen zu werden.

4. Immer wieder wird gesagt, Pornographie sei öde und eintönig, weil die Variationsmöglichkeiten bei der beschriebenen Tätigkeit eben so begrenzt seien; damit scheint die sexuelle Literatur auf ein sehr enges und armseliges Musterreduziert. In Wahrheit ist ihre Skala natürlich außerordentlich breit. Sie umfaßt ehrwürdige klassische Altertümer, ethnographische Kuriositäten, kulturgeschichtliche Dokumente wertvollster Art, Philosophie, Mystik, Satire, sämtliche Gattungen bis hinab zum abgedroschensten Groschenheft, Anregendes und Abregendes, Sublimiertes und Entsublimiertes, die größte Brutalität wie die größte Zärtlichkeit, den frivolsten Unernst wie den besessensten Ernst – sie ist unerschöpflich. Niemand also sollte leichtfertig "die Pornographie" oder "die obszöne Literatur" sagen, als sei damit schon etwas Bestimmtes umrissen.

5. Pornographie im allerengsten Verständnis, also die primitive Konfektion, hat etwas Ambivalentes, das die Polemiken um sie so heikel macht. Einerseits ist sie die bedenkenlose kommerzielle Ausbeutung einer großen sozialen Krankheit, eines wirklichen Massenelends, dem sie mit ihren tristen Scheinbefriedigungen kommt – und als solche verdient sie nicht mehr Respekt und Schonung als andere miese Dummheiten, etwa als die dilettantische Zeichnung einer Kartoffel, die einem Hungernden vorgesetzt wird. Andererseits aber verdankt sie sich in ihren heutigen Formen nicht nur einem großen gesellschaftlichen Umschwung, sondern sie beför-

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