Hamburg

Der Reeder Jürgen Bernhold, Alleininhaber des "Hamburger Lloyd", ist der Typ des Mannes in der Werbung, der erfolgreich ist, weil er das angepriesene Duftwasser benutzt, von schönen Frauen umlagert Zigaretten raucht oder Sekt trinkt oder bei der Sparkasse prämienbegünstigt spart. Aber der Volkswirt Dr. Bernhold braucht den Erfolgreichen nicht zu spielen – er ist es, und das auf zwei Gebieten.

Seit er 1962, nach dem Tode seines Vaters, die Reederei übernahm ("Ich fiel sozusagen in den Betrieb hinein, ohne praktische Kenntnisse, ein halbes Jahr vor der Promotion"), hat sich deren Tonnage, damals ein Seetanker und drei Binnentanker mit zusammen etwa 3300 auf 85 000 tons erhöht. Heute besitzt der Hamburger Lloyd zehn Seetanker und sechzig Binnentanker. "Wir sind die einzige deutsche Reederei, die Seeschiffe mit eingebauten Edelstahltanks hat." Soweit Bernholds Erfolg auf dem Wasser.

Die andere Seite seines Erfolges liegt auf dem Parkett: Er und seine Frau Helga, seit siebzehn Jahren ein Tanzpaar, wurden fünfmal Amateur-Weltmeister im Gesellschaftstanz (lateinamerikanische Tänze), viermal Europameister und neunmal Deutsche Meister. Und wegen dieser Erfolge kennt jedermann die Bernholds.

"Ich bin der Meinung, man sollte Sport und Geschäft ganz auseinanderhalten", sagt Bernhold. Aber die Öffentlichkeit, die mit Interesse den Prozeß gegen den Reeder, seinen Prokuristen, zehn seiner Schiffsführer, einen Ingenieur und einen Schiffsinspektor vor der Vierten Strafkammer des Klever Landgerichts verfolgt, hält es nicht auseinander. Gerade die populäre, elegante Figur des Tänzers verschafft der höchst unpopulären Angelegenheit, wegen der er angeklagt ist, erhöhte Aufmerksamkeit.

Bernhold wird beschuldigt, "in bewußtem und gewolltem Zusammenwirken mit den für ihn tätigen zehn mitangeklagten Schiffsführern fortgesetzt handelnd" erhebliche Schmutzwassermengen in den deutschen Rhein gepumpt zu haben. Bei dem Schmutzwasser handelt es sich um Abwässer der Caltex-Raffinerie in Raunheim am Main, die Tanker des Hamburger Lloyd vertragsgemäß zur Vernichtung auf offener See rheinabwärts befördern sollten. Diese Vernichtungsart der Abwässer, die ätzende Natronlauge enthalten, war eine Bedingung des zuständigen Darmstädter Regierungspräsidenten. Zwar waren die Tanker nicht seetüchtig, aber die Reederei konnte den Auftrag trotzdem übernehmen: Als Partner arbeitete eine holländische Firma mit, die den flüssigen Schmutz auf Seetanker umladen und in der Nordsee ablassen sollte.

Nun soll – laut Anklage – diese Fracht in den Jahren 1965 bis 1968 zweiundzwanzigmal nicht einmal bis Holland gebracht worden sein. Die Sache wurde ruchbar, als die Besatzung eines Stromaufsichtsbootes auf dem Rhein im März 1968 bemerkte, wie das Tankschiff "Hasenbüttel" eine übelriechende gelbe Flüssigkeit über Bord pumpte. Der Verdacht, daß das nicht zum erstenmal geschah, kam auf, als festgestellt wurde, daß in den Jahren davor etliche Tanker derselben Reederei als leer deklariert die holländische Grenze passiert hatten.