Bei den Schülern und Studenten schon wieder langsam abklingend, breitet sich gegenwärtig die Unruhe unter der größten Gruppe der Auszubildenden aus. Gemeint sind die Lehrlinge, deren Lage im Vergleich mit Schülern und Studenten wohl am miserabelsten ist. Denn in den meisten Lehrbetrieben herrschen noch immer eine straffe Hierarchie und eine Art Ausbeutung, die die Bildungsprivilegierten auf der Schule und Universität nicht kennen.

Pädagogisch nur unvollkommen, wenn überhaupt ausgebildete Meister, Ausbildungspläne, die wohl kaum den Erfordernissen der Zukunft entsprechen und zudem noch betriebsbezogen sind; Lehrlings Vergütungen, die (wenn man bedenkt, daß viele Lehrlinge im 3. Lehrjahr dieselben Arbeiten, oft auch ausbildungsfremde Arbeiten, wie Hilfs- oder Facharbeiter verrichten) mehr als gering sind, von den unbezahlten Überstunden ganz zu schweigen; das Mitspracherecht, das sich viele Ausbilder in privaten Dingen der Lehrlinge nehmen, vor allem wenn es um Haare, Kleidung, politische Ansichten geht; Strafmaßnahmen, die manchmal an den Strafvollzug des Mittelalters erinnern und durch die Angst, Minderwertigkeitskomplexe und seelische Hemmungen hervorgerufen werden und durch die das Selbstbewußtsein der Lehrlinge in starkem Maße gemindert wird: Das ist die Situation.

Warum sich die Lehrlinge trotz dieser Mißstände (und das sind bei weitem nicht alle) erst jetzt zum Protest formieren, erscheint einem fast unglaublich. Es liegt vielleicht daran, daß es sehr schwer ist, Solidarität unter den Lehrlingen aufzubauen, die zu gemeinsamen Aktionen führen könnte. Die Vielzahl von Lehrberufen und die Zweigleisigkeit "Industrie und Handwerk" sind die Gründe hierfür.

Auch fehlt den meisten Lehrlingen die Zeit, über ihre Situation nachzudenken. Berufsschularbeiten und Berichtshefte lassen nach einem arbeitsreichen Tag kaum noch kritische Gedanken aufkommen. So kommt es auch, daß vielen Lehrlingen ihre miserable Lage kaum bewußt wird und daß sie die Gefahren, die eine schlechte Berufsausbildung für die Zukunft birgt, nicht kennen. Ihre Eltern, die oft unter viel schlechteren Bedingungen ausgebildet wurden, halten die heutige Ausbildung noch für verhältnismäßig gut und unterstützen deshalb oft die Ausbilder und Meister. Kommt es aber dennoch einmal zu einem Gespräch zwischen ihnen und Meistern, so fehlen ihnen meist die Voraussetzungen dafür, was sich in völliger Unkenntnis der bestehenden Gesetze, des Lehrvertragstextes, des Berufsbildes und anderem ausdrückt. Und die Gewerkschaften, vertreten durch Betriebsräte und Vertrauensleute, denken oft ähnlich wie die Eltern oder betrachten die Jugendlichen noch als minderjährige Kinder, auf deren Gerede man nichts zu geben braucht. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Lehrlinge nur immer mehr in den Sog linksradikaler Gruppen geraten.

Anscheinend durch die Protestaktionen der Schüler- und Studentenschaft gewarnt, erarbeitete die Große Koalition ein neues Berufsausbildungsgesetz, das aber nach Meinung aller Beteiligten unzureichend ist. Die wenigen Verbesserungen, die sich daraus ergeben, kommen kaum zum Tragen, da noch jegliche Ausführungsbestimmungen dazu fehlen. Manche Betriebe drohen gar mit dem Entzug ihrer sozialen Leistungen für die Jugendlichen, wenn diese auf ihre neuen Rechte pochen.

Zu Arbeitskampfmaßnahmen, wie zum Beispiel zum Streik, dürfen die Lehrlinge auch heute noch nicht greifen. An Betriebsratswahlen darf die Mehrzahl der Lehrlinge unter achtzehn Jahre nicht teilnehmen. Ihre Jugendsprecher genießen keinen Kündigungsschutz. Rechtliche Möglichkeiten, sich zu beschweren, werden den Lehrlingen häufig verschwiegen, und kennen sie sie doch, so scheuen sie deren Bürokratie. Was bleiben also den Jugendlichen, die gegenwärtig eine Lehre absolvieren, für legale Möglichkeiten, ihre Lage zu verbessern?

Es ist anzunehmen, daß sich die Unruhe unter den Lehrlingen weiter ausbreiten wird und daß man, angespornt durch das Beispiel der Schüler und Studenten, zu deutlichen Mitteln des Protestes greifen wird. Und es ist zu befürchten, daß die Folgen dieses Protestes noch weit schlimmer sein könnten als bei Schülern und Studenten.