Im Frühjahr des Jahres befand sich Professor Claus Köhler, Mitglied des fünfköpfigen Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, noch in der Minderheit, als er meinte: "Es ist mit keiner Strategie möglich, aus einem starken Ungleichgewicht, wie es gegenwärtig besteht, direkt zum Gleichgewichtspfad zurückzufinden." Heute steht Köhler nicht mehr allein.

Als der Sachverständigenrat dem Bundeskanzler jetzt das Jahresgutachten vorlegte, verbreitete er eine eher düstere Prognose: "Mit einer Rickkehr zum wirtschaftlichen Gleichgewicht kann erst 1972 gerechnet werden."

Köhler hatte seinerzeit vorausgesehen, daß bei weiteren Dämpfungsmaßnahmen die Gefahr eines Rückschlages bestehe, der weitere Preissteigerungen, Unterbeschäftigung und Wachstums Verluste bringen könnte.

Diese Gefahr haben die Sachverständigen offenbar auch jetzt im Auge. So neigen sie beispielsweise dazu, den Konjunkturzuschlag bereits im März auszusetzen und nicht wie geplant im Juli. Der Konjunkturzuschhg, zehn Prozent der Steuerschuld, war von der Regierung zur Dämpfung des Nichfragebooms im Sommer beschlossen worden.

Der Sachverständigenrat geht in seinem Gutachten, das den Titel "Konjunktur im Umbruch" trägt, sogar noch weiter. Er hält einen sanfteren Wirtschaftsabschwung dann für wahrscheinlich, wenn Bonn sich entschließen könnte, zwei Drittel der Einnahmen aus dem Konjunkturzuschlag bereits Mitte 1971 zurückzuzahlen.

In der Beurteilung von Finanzminister Möllers Jahresbudget für 1971 stellen die Gutachter einheitlich fest, daß Möllers Haushalt richtig ist: "Es bestehen keine stabilitätspolitischen Bedenken." Anerkannt wird überdies ein Nachholbedarf bei den öffentlichen Investitionen. Zur Warnung an Bonn stellten die Sachverständigen fest, die Investitionen dürften auf keinen Fall weiter rückläufig verlaufen. hff