Köln Bis zum 12. Januar 1971, Galerie Gmurzynska-Bargera: "Osteuropäische Avantgarde"

Eine historische Ausstellung, über 100 Arbeiten aus den Jahren zwischen 1910 und 1930, unbekanntes Material, die auf Osteuropa spezialisierte Galerie verfügt offenbar über gute Verbindungen, vieles kommt vermutlich aus den Nachlässen russischer Emigranten, aus dem Besitz von Freunden und Nachkommen, die in Frankreich leben. Von Malewitsch werden 17 Bleistiftzeichnungen in Postkartengröße angeboten, in die Jahre 1914 bis 1916 zu datieren, mit den bekannten konstruktivistischen, aber auch einigen figurativen Motiven. Der Malewitsch-Experte Miroslav Lamac schreibt im Katalogvorwort, Malewitsch habe selbst in seiner suprematistischen Periode immer auch figurative Bilder gemalt, nach 1928 sei er definitiv zum präkubistischen Stil seiner frühen Jahre zurückgekehrt. Es wäre interessant, das Spätwerk im Westen zu sehen. Neben Malewitsch sind es Tatlin, Lissitzky, Rodschenko, die eine Vorstellung vom russischen Konstruktivismus vermitteln, diesem noch immer unbekanntesten und schwer durchschaubaren Konzept des 20. Jahrhunderts: das einzige, das ein Bündnis zwischen den politischen revolutionären Kräften und der künstlerischen Praxis darstellt. Diese einmalige Chance einer Verbindung von Kunst und Revolution war schon verspielt, bevor sie effektiv werden konnte, die Politiker haben das Bündnis aufgekündigt, der Konstruktivismus ging in den Untergrund oder in die Emigration. Er paßte sich an, er verstand sich zu seltsamen Verbindungen mit jeweils herrschenden Tendenzen, in Paris mit dem Kubismus, dem Orphismus. In Köln sieht man viele und markante Beispiele für diesen politisch entschärften, formalisierten Konstruktivismus. Die beiden Ungarn Sandor Bortny (der 1918 nach dem Scheitern der Räterepublik nach Wien flüchtet und schließlich 1949 zum Direktor der Kunsthochschule in Budapest berufen wird) und Lajos Kassak, dazu den wichtigsten polnischen Konstruktivisten, Berlewi, mit "Mechano-Fakturen" aus den frühen zwanziger Jahren, als er im "Sturm" ausstellte und in Warschau den avantgardistischen BLOK gründete, bevor er sich nach Paris absetzte. Die meisten aus der osteuropäischen Avantgarde sind in Frankreich geblieben, wo sie ihren revolutionären Enthusiasmus auf die Dauer nicht durchhalten konnten.

München Am 8. Dezember, Galerie Wolfgang Ketterer: "Moderne Kunst und Jugendstil"

Die Schwerpunkte der Versteigerung liegen auch diesmal wieder beim deutschen Expressionismus. Heckel, Schmidt-Rottluff, Kirchner sind die Favoriten, speziell von Kirchner werden Spitzenblätter angeboten, der Holzschnitt "Kopf des Kranken" zu dem bemerkenswert hohen Schätzpreis von 15 000 Mark. Auch die Graphik von Beckmann kommt allmählich in die höchste Preiskategorie, sein "Selbstbildnis mit steifem Hut" wird für 12 000 Mark angeboten. Zwei Barlachbronzen, "Der Rächer" von 1914 und "Der Zweifler" von 1931, sind mit 25 000 Mark angesetzt. Unter den Bildern dominiert ein Mädchenhalbakt von Otto Mueller (38 000 Mark), von Oelze, der selten auf Auktionen erscheint, gibt es ein wichtiges Landschaftsbild (20 000 Mark). Die Sonderabteilung Jugendstil umfaßt 80 Objekte, vorwiegend Glas und Keramik, außerdem Bilder und Graphik von Alastair, George de Feure, Alfons Mucha und Hans Thoma, der allerdings nur vorübergehend und aus Versehen in die Nähe des Jugendstils geraten ist.

Oldenburg Bis zum 6. Dezember, Kunstverein: "Karl Kluth"

Die erste Ausstellung nach fünf Jahren, mit neuen Bildern, die bei den römischen Motiven aus der Zeit in der Villa Massimo einsetzen, bei der "Alten von Norba" und "Das Quadrubiae", bei der Göttin am Kreuzweg, dem Mädchen an der Straße, alten Mauern, Verkehrsschildern. Aus der Überschneidung der Bewußtseinssphären hat Kluth seinen großen figurativen Stil entwickelt, der sich nie auf formale Kompromisse einläßt. Der Gegensatz zwischen graphischen Schwarzweiß-Strukturen und einer hektisch gesteigerten Farbigkeit wird mit einer bohrenden Intensität ausgetragen, das Bild einer Zerreißprobe divergierender Tendenzen ausgesetzt, und dieser formale Konflikt versteht sich als Hinweis auf die thematische, psychologische und intellektuelle Situation der dargestellten Figur oder Doppelfigur, im "Steppenwolf" oder im "Mißglückten Familienfoto" und im Zyklus der "Gespräche". Kluths Figuration ist nicht identisch mit der Neuen Figuration der sechziger Jahre. Eine amerikanische Parallele wäre das Verhältnis Richard Lindners zur Pop Art. Gottfried Sello

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