Die Macher wollen; nicht mehr so weitermachen. Individuelle Kreativität soll nicht länger ausgelebt werden auf Kosten einer unschöpferischen Masse, die sich nur mit dem ihr Vorgesetzten abzufinden hat. Jetzt wartet Kinetisches auf unseren Anstoß, das Geräusch unserer Schritte setzt Lichtorgien in Gang, Abreaktions-Spezialisten ersinnen Befreiungsspiele. Dem Theater genügt es schon lange nicht mehr, daß es für den Vietcong spielt, wenn dabei lediglich Kunst, Dokumente oder Meinungen vom Podium herunter in das Publikum geschaufelt werden. Selbst soll das Publikum spielen, nicht nur sich selbst wie bisher im Foyer. Das geht hinunter bis zu Willy Brandt, der in seiner Regierungserklärung ebenfalls mehr Demokratie versprochen hat.

Die Literatur stand da immer etwas abseits. Sehr zum Leidwesen ihrer Jünger, die ihr gewünscht hätten, daß sie im Wettrennen der Künste zum Publikum weiter vorn liegen möge, wird hier noch immer nachgelesen, was andere vorgeschrieben haben; Der Leser kann Seiten umblättern, sich ärgern und seine Phantasie in Bewegung setzen. Aber bedeutet letzteres nicht schon recht viel an kreativem Selbermachen, mehr, als es in den herkömmlichen Formen der anderen Künste gibt?

Das Nachdenken hierüber ist nicht mehr notwendig, denn jetzt ist er da, der langerwartete erste Spiel-Roman –

Dennis Guerrier / Joan Richards: "Regieren SIE mal! – Der erste Spiel-Roman", aus dem Englischen von Henry Jelinek; Paul Zsolnay Verlag Wien/Hamburg; 329 S., III., 24 DM.

Er wird uns Sprachschutt anbieten, abgesetzt den verschlammten, trägen, stellenweise aber auch quirligen Flüssen der Umgangssprache, wir werden beliebig montierbare Versatzstücke montieren dürfen, Wörter wird man vor uns ausbreiten, Silben, Satzzeichen, ja vielleicht sogar Buchstaben, der Jandl in uns leckt sich schon die Lippen...

Das Buch fängt anders an als erwartet. Es findet sich da eine Parodie des herkömmlichen Romans, die alle seine Stilmittel nacheinander vorzeigt. Der allwissende und allgegenwärtige Erzähler – erinnern Sie sich noch? in der guten, alten Zeit war er gang und gäbe – berichtet von der Unabhängigkeitsfeier eines erfundenen ostafrikanischen Staates, die Menschen werden geschildert, die nun die Verantwortung übernommen haben, die Probleme, deren sie Herr werden müssen und die immer zahlreicher und größer werden. Wofür das wenige Geld verwenden? Soll der Staudamm gebaut, der putschwillige einflußreiche Armeeoberbefehlshaber abgesetzt, das Manöver abgeblasen werden? Wer bekommt die Ölkonzession, wer wird um Wirtschaftshilfe gebeten, bei wem werden Waffen gekauft? Soll die UNO eingeschaltet werden? Wie wird das (immer hervorragend nachgemachte) Presse-Echo sein?