/ Von Rudolf Walten Leonhardt

Von den drei größten Städten der Welt ist London, die friedfertigste, die mit Taxis und Hotels am besten, mit Restaurants am schlechtesten versorgte, die spannungsärmste, die geschichtsträchtigste, die kulturreichste ... nein, das wohl doch nicht ganz.

London hat 42 Theater. Ob das mehr oder weniger sind als in New York, hängt davon ab, wieviele "Off-off-Broadways" man mitzählt. So wie der Kampf der Großen Drei darum, welche die Größte sei auf der ganzen Welt, entschieden wird dadurch, wieviele Vorstädte man einbezieht.

Rein topographisch betrachtet, ist Tokyo die größte. Das hört, vor allem längs der Küste, ein paar hundert Kilometer lang so gut wie überhaupt nicht mehr auf. Die kleinste ist, so gesehen, New York; denn da zählt doch eigentlich nur Manhattan, auf die Proportionen einer mittleren Insel beschränkt. London liegt in der Mitte; "Downtown" könnte man wohl so eben noch zu Fuß durchqueren, man weiß nur nicht recht, wo es zu Ende ist.

Der Reichtum an bildender Kunst ist direkt abhängig von den Börsenkursen, daher kein Zweifel: New York ist am reichsten. Tokyos Reichtum wird erst zu Buche schlagen, wenn der Marktwert alles Fernöstlichen so, wie es zu erwarten, ist, steigt.

Eine mittlere Weltstadt also, dieses London. Ich war mal wieder da und bin ins Theater gegangen und ins Museum und habe nebenher herausgefunden, daß das "Connaught" doch das beste Londoner Hotel ist. "Brown’s" hat nicht ganz Schritt halten können; "Dorchester" und "Claridge’s" sind allzu prunkvoll pompös; das "Hilton" ist sehr amerikanisch und scheint schon etwas heruntergekommen, wie alle Häuser, die von en bloc gebuchten Gruppenreisenden allzu häufig heimgesucht werden.

Ich wollte mitteilen, was in der dritten Novemberwoche in der Londoner Kunst los war und was im Theater. Nach diesem Anfang aber muß ich an den empörten Leser denken, der mir einmal schrieb, ihn interessiere die Zauberflöten-Interpretation des Regisseurs und das hohe F der Königin der Nacht, nicht aber, ob man im Salzburger Goldenen Hirschen besser untergebracht ist als in der Pension Meyer (man ist es). Ich freilich höre dieses F anders, wenn ich aus Meyers Pension komme, womöglich regendurchnäßt. Ich weiß bei jedem Londoner Theaterbesuch, daß ich das Abendessen besser abschreibe; denn vor sielen gibt es noch nichts Rechtes, und nach elf gibt es nichts Rechtes mehr.