Von François Bondy

Hannah Arendt: "Macht und Gewalt"; Serie Piper, Band I; R. Piper Verlag, München 1970; 107 S., 6,– DM.

Hannah Arendts mit Recht vielerörterte kurze Schrift ist zuerst in den Vereinigten Staaten erschienen, wo in diesen Monaten – ich entnehme es einer Sammelbesprechung der New York review of books – ein gutes Dutzend Werke vorgelegt wurden, die das Wort violence im Titel tragen und sich mit Geschichte, Theorie und Praxis der "Gewalt" befassen. "Gewalt" ist vielleicht das einzige Wort, das derzeit ebenso häufig in Leitartikeln wie im Kulturteil vorkommt, einmal als welterschütternder Terror kleiner verschworener Gruppen, ein anderes Mal als Teil der Ästhetik des Surrealismus.

Sie ist mit verschiedenen Ideologien verbunden, aber auch mit radikaler Ideologiekritik. Sie wird von Zoologen im Rahmen einer allgemeinen Verhaltenslehre gedeutet (Hannah Arendt zeigt überzeugend, daß wir auf diesem Wege zu Binsenwahrheiten oder Trugschlüssen gelangen); mit technischem Vokabular gilt sie seit langem als "Lokomotive der Geschichte". Sie soll dem Fortschritt dienen, aber auch – angewandt von Maschinenstürmern oder poujadistischen Kleinhändlern – den Fortschritt aufhalten. Sie mag als Ausdruck einer Vernunft erscheinen, die eben nur diesen Weg als den gangbaren erkennt ("da hilft nur Gewalt") oder als Triumph der schieren Irrationalität – "blinde Gewalt".

In weiter historisch-theoretischer Perspektive und zugleich mit gewinnender Engagiertheit versucht Hannah Arendt diesen strapazierten Begriff zu verdeutlichen, ihn namentlich von Autorität, Macht, Stärke abzuheben. Der Leser einer kurzen, offensichtlich auf aktuelle Wirkung angelegten Schrift muß es nicht wissen, der Rezensent, darf jedoch nicht ignorieren, daß der Hintergrund dieser oft aphoristisch gerafften Aussagen ein weit angelegtes Werk politischer Theorien ist – Arbeiten über die Unterscheidung zwischen antiker "polis" und moderner Gesellschaft, über die entgegengesetzten Wege der amerikanischen und der französischen Revolution, Untersuchungen über die Restbestände von Tradition und über den modernen Totalitarismus, der mit diesen Resten aufräumt. Beides, sowohl die oft apodiktische Raffung der jüngsten Schrift als auch die Kenntnis der sie beglaubigenden großen Werke, macht den Versuch einer Rezension zu einem nahezu verzweifelten Unterfangen. Bereits im Buch "Über die Revolution" (Piper 1963) schreibt Hannah Arendt von der Notwendigkeit, die Kategorien des politischen Denkens – Autorität, Macht, Gewalt klar voneinander zu trennen. Diesmal jedoch wird die Autorität summarisch abgehandelt. Was vor der "Macht" als dem Gegensatz zur "Gewalt" gesagt wird, bringt sie jetzt in so große Nähe zur "Autorität", daß sie beinahe mit ihr verwechselt werden kann.

Immer wieder überrascht Hannah Arendt durch aphoristische Sätze, in denen etwas höchst Ungewöhnliches wie eine Selbstverständlichkeit mitgeteilt wird, zum Beispiel dieser Gedanke: "Heute scheint nichts veralterter und überflüssials zu versuchen, die Menschheit durch politische Mittel von Armut zu befreien. Wenn das zutrifft, war Roosevelts New Deal kein politisches Eingreifen in die Wirtschaft. Den Begriff "politisches Handeln" müßten wir in diesem Fall anders als heute gewohnt und enger fassen. Das läßt sich gewiß begründen; evident wie ein Axiom ist es nicht.

Wenn ich sie nicht ganz mißverstehe – es ist möglich und wäre nicht ausschließlich die Schuld des Lesers –, so trennt Hannah Arendt das politische Wirken vom Bereich des Sozialen und Wirtschaftlichen sehr schroff, schroffer, als es nötig ist, um die von Marx und seinen Schülern verkannte Eigengesetzlichkeit von Politik, Staats- und Rechtsordnung wieder zur Geltung zu bringen. Viele Zwischentöne und Zwischenbereiche werden der reinen Begriffsklärung geopfert. Das ist kein Einwand gegen die Klarheit, ohne die alle Begriffe wertlos sind, sondern gegen die Verabsolutierung von Unterschieden. Geschichte und Theorie begegnen einander oft nur noch im Unendlichen.