Im Werbefernsehen kommen all die Weißen Riesen und Meister Propers zu den Hausfrauen, zerreißen die Grauschleier, haben Bio-Waschkraft, zwingen Weiß rein. In Felix Rexhausens ("Mit Bayern leben") erstem, einaktigem Bühnenstück (Titel: "Dem Neuen ist Seife egal") kommt der Gegenschlag: ein Satyr, mit der bekannten satyrhaften Vorliebe für Schmutz und Unterleib, dringt als Angestellter verkleidet in ein Büro deutscher Saubermänner und Sauberfrauen und foppt ihre Schmutztriebe ans Tageslicht.

Die Attacke auf des Deutschen säuberlich alles Schmuddelige verdrängende Reinlichkeit, auf Zucht und Ordnung, ist so schrecklich neu und tief, nicht. Aber sie ist äußerst vergnügt und bühnenwirksam geraten. In der Lübecker Inszenierung von Karl Vibach war jedenfalls jener Büro-Alptraum, in dem der Vormittag eines Fauns stattfindet, hübsch in alle möglichen Erscheinungsformen des "Ruhe- und Ordnungswahns" abgestuft. Des Normalmenschen Leid und Frust entzündete sich an einem Stück Seife, das die Betriebsleitung ("in Übereinstimmung mit dem Betriebsrat") nicht mehr bezahlen wollte, so daß man dafür Groschen allwöchentlich einzusammeln beschließt und verordnet.

Da kommt der Satyr, als Herr Schmidt verkleidet, und ihm ist, wie der Titel des Stücks sagt, Seife egal. Er kratzt sich, was Bert Oberdorfer sehr reflexhaft komisch verdeutlichte, ungeniert sein durch Bürokleidung nur mühsam .verborgenes Fell, bewegt unbeherrscht den Unterleib, als wollte er das tun, was im Stück "vögeln" heißt, und verleitet auf diese Weise die braven Büromenschen, daß sie die von allen Meister Propers rausgezwungenen unreinen Triebe auf einmal verstört ausplappern. Dann geht der Satyr (ein Verwandter von Hauffs Affen) wieder. Zurück blieb in Lübeck ein durcheinandergewirbeltes Büro und ein gutgelauntes, beifallfreudiges Publikum, dem die "Seelenschmutze" (im Unterschied zur "Seelenwäsche") offenkundig für eine Stunde gut tat.

Das für mich Bemerkenswerteste an der Aufführung: die pantomimisch glänzend absolvierte Begegnung zwischen Satyr und Abteilungsleiter (Immo Kronenberg). Wie da der Faun den gebürsteten und geschniegelten Abteilungsleiter zuerst in dessen gutgeöltem Gestenrepertoire nachahmen wollte, um dann den Edelbürokraten mit seinen unwillkürlichen Juck- und Kratz- und Scharrbewegungen anzustecken – das war eine glänzende Slapsticknummer, die die Essenz von Rexhausens theatralischem Witz offenbarte: es sind gestische Chancen, die das Stück über eine bloße Kabarettnummer der Sauberkeit hinausbringen. Hellmuth Karasek