Zum zweiten Male in diesem Jahr haben am Wochenende die amerikanischen Streitkräfte den im November 1968 verkündeten Bombardierungsstopp unterbrochen und Angriffe gegen Ziele in Nordvietnam geflogen. Das Pentagon bezeichnete diese "begrenzten Schutzreaktionsschläge" als Antwort auf den Abschuß eines unbewaffneten US-Aufklärungsflugzeuges am 13. November 1970. Schon am 2. Mai 1970 führten die Amerikaner einen solchen Vergeltungsschlag.

Während sich die Einsätze der Bomber nach Aussagen des US-Verteidigungsministers Laird ausschließlich auf militärische Ziele südlich des 19. Breitengrades beschränkten, wurden nach Angaben von Radio Hanoi auch Ziele in Wohngebieten zwischen Haiphong und Hanoi bombardiert. Dabei sei auch ein Lager mit amerikanischen Kriegsgefangenen angegriffen worden, wobei es mehrere Opfer gegeben haben soll. Fünf amerikanische Flugzeuge und ein Hubschrauber seien abgeschossen worden.

Laird bestritt einen Angriff auf das Kriegsgefangenenlager und drohte neue Bombardierungen an, falls weiterhin amerikanische Aufklärungsflugzeuge über Nordvietnam beschossen würden. Dabei beruft sich die amerikanische Regierung auf eine "stillschweigende Übereinstimmung" zwischen Washington und Hanoi, nach der Aufklärungsflüge auch nach Ende der Bombenangriffe unternommen werden dürfen. Eine solche Vereinbarung wird aber sogar von Politikern abgestritten, die in der Regierung Johnson eine maßgebende Rolle gespielt haben. Hanoi bestreitet ebenfalls ein derartiges Einvernehmen.

Die als Vergeltung bezeichneten Luftangriffe sind vor allem von kommunistischen Ländern, aber auch von amerikanischen Senatoren scharf verurteilt worden. Das nordvietnamesische Außenministerium erklärte, die Bombardierungen seien "äußerst ernste Kriegsakte" und stellen "eine ernsthafte Bedrohung" der Pariser Gespräche dar.

Moskau bezeichnete die den Angriffen vorausgegangene "provokatorische Drohung" Lairds und die Gegenmaßnahmen als zwei im Zusammenhang stehende "aggressive Akte, die vom Pentagon lange vorbereitet waren".

Auch in den USA verstärken sich die kritischen Stimmen. So erklärte der demokratische Senator McGovern, die Luftangriffe seien "fast nicht zu glauben". Es sei reine Torheit anzunehmen, durch die Wiederaufnahme der Angriffe etwas erreichen zu können. Ähnlich äußerte sich Senator Hatfield, der eine Gefährdung der Pariser Verhandlungen befürchtet.

Aus Protest gegen die Luftangriffe sagte die nordvietnamesische Delegation bei den Pariser Friedensgesprächen die Teilnahme an der Mittwoch-Sitzung ab.