Gegen Plagiate gibt es bei Spielen keinen Schutz. Die Verleger können davon einige Liedchen singen: Ein anderer Titel, andere Utensilien, schon ist das "neue" Spiel fertig. "Imuri" zum Beispiel. Da sind auf einem angenehmen und schönen Kunststoff plan Türme zu setzen, die mit zinnenbewehrten Stadtmauerstücken verbunden werden. Wer seine Mauer zuerst lückenlos übers ganze Feld baut, gewinnt. Ein sehr gutes, strategisches Zweierspiel, das zudem noch hübsch anzuschauen ist. Nur, das Spiel gibt es schon seit etlichen Jahren. Es heißt "Twixt". Dem Spieler kann das freilich egal sein; denn er kriegt die "Neuheit" um weniger als den halben Preis,

"Typ Dom" ist älter als "Scrabble". Beide sind Kreuzwortspiele von Rang, aber nur das zweite hat sich zum Bestseller aufschwingen können. Mit "Typ Dom Carree" versucht nun die Konkurrenz nachzuziehen, indem sie ihrem alten Spiel einen Plan beigibt, worauf Farbfelder die jeweiligen Punktwerte verdoppeln oder verdreifachen. Wie beim "Scrabble". Allerdings versucht man mit der Neuschöpfung über ein reines Plagiat hinauszukommen: Das Spiel ist für einen größeren Teilnehmerkreis erweitert; aus den vier Himmelsrichtungen stricken sich die Wortknöpfler ihre "Rätel" entgegen. Die Absicht, Wortbrücken zum Gegner zu schlagen, mißlingt meist ebenso wie der hochdotierte, vorzeitige Abschluß des Spiels, falls jemand alle seine Steine los wird. So kommt die Novität über krampfhafte Klimmzüge nicht hinaus. Außerdem läßt die auf einen schäbig wirkenden Zettel gedruckte Spielregel etliche Fragen offen.

Nun möchte ich keineswegs kleinlich sein, wenn ein Spiel Vorläufer hat. Es sähe düster auf dem Spielemarkt aus, wäre es nicht so. Das Bestreben, ein Spielsystem zu verbessern, Mängel zu beseitigen, ihm neue, interessante Nuancen abzugewinnen, ist durchaus legitim, ja lobenswert; und der wohlgeratenen Sprößlinge gibt’s auch eine große Menge. "Gitter-Scrabble" zählt dazu.

Der Plan steht senkrecht, ein solides Gitter aus schwarzem Kunststoff, und wartet auf die hölzernen Buchstabenquader, die die beiden Spieler aus einem gemeinsamen Fundus darin deponieren. Dabei gibt es einen eklatanten Unterschied zwischen den senkrechten und den waagerechten Wortgebilden.

Zunächst die vertikalen. Da heißt es scharf zählen; denn wer ein Wort komplettiert, kassiert dafür die Punkte. Darum bleiben oft Fragmente stehen, weil keiner dem anderen den Score gönnt. Aus der Misere helfen Wörter, die angebaut werden können: EI, EIS; oder LAU, LAUT, LAUTE, FLAUTE.

Das wirklich Witzige an dem Spiel aber sind die Waagerechten. Da sich die beiden Kontrahenten gegenübersitzen, bilden sich die horizontalen Absichten quasi spiegelbildlich ab; was der eine von vorn liest, präsentiert sich dem anderen von hinten: NASE – ESAN etwa, aber dazu kommt es gewöhnlich nicht. Steht da NA, kassiert der drüben für die Präposition AN bereits Punkte und verpatzt die projektierte NASE mit einem F (also ANF, weil er auf ANFANG losgeht), was sich hüben FNA liest, womit rein gar nichts anzufangen ist.

Ein besonderer Effekt: Beide bauen emsig ihr Wort zu Ende und melden gleichzeitig den Abschluß: NEGER – REGEN beispielsweise, ein Palindrom. Beim "Gitter-Scrabble" erfährt man erst, wieviel solcher Wörter es im Deutschen gibt.

Eugen Oker