in riesengroßes gleichschenkliges Dreieck imHintergrund, zwei rechtwinklige an den Seiten, helle Flächen, die sich vom schwarzen Bühnenhintergrund abheben; auf dem Boden mehrere Formationen aus einander durchdringenden Dreiecken, Gebilde, die als abstrakte Heu- oder Scheiterhaufen angesehen oder für Demonstrationsmittel im mathematischen Unterricht gehalten werden könnten – die wahre Symbolik in diesem Bild begreift nur, wer Václav Kasliks Bemerkung zu seiner Frankfurter Inszenierung von Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" im Programmheft gelesen hat: "Die Konstruktion der Szene geht von einer freien Applikation der zwei sich durchschneidenden Dreiecke des jüdischen Sternes aus."

Zur Freiheit dieser Applikation gehört, daß die Heu- oder Scheiterhaufen mit Hilfe einer Drehbühne rotieren – auch hier Symbolik? Näher liegt, daß Kašlik Bewegung bereits für Inszenierung hält.

Die Dreiecke erweisen sich als tauglich für Projektionen, mit indefinablen Formen und indifferenten Farben, roten Amöben-Flecken in grauer Soße– auch hier Symbolik? Allenfalls Dilettantismus.

Auf die Bühne werden schiefe Ebenen gerollt, Gerüste aus verstrebten Stahlrohren, moderne Baukonstruktionen – auf ihnen agieren Statisten und Choristen, in den quasihistorischen Gewändern, wie die Schulbibel nomadisierende Israeliten zeigt, einhundertmal die gleiche Sackleinen-Uniform. Der Inszenator am Werke: Irgendwann beginnt die Bühne wieder ihre Drehung, die schiefen Ebenen ändern die Richtung ihres Anstiegs, die Hundertschaft, vorher geschlossene Front von links unten nach rechts oben, teilt sich auf, scheinbares Chaos, Gruppen-Bildung, dreißig links, dreißig hinten, dreißig rechts, zehn verschwinden, kommen kurz darauf wieder, nach zwei Minuten wieder Formationswechsel, Drehbühne, Front der Hundertschaft. Erhobene Hände, wenn zu klagen oder zu grüßen ist, die Bettenschüttel-Bewegung, wenn Entsetzen dargestellt, wenn gefragt werden soll.

Das Goldene Kalb wird hereingefahren, wieder eine freie Applikation der Dreiecke, ein kunstgewerblicher Calder, der Apollo-Mondfähre nicht unähnlich. Der Tanz um dieses Goldene Kalb (Choreographie: John Neumeier) besitzt eine Pointe: Nach den barbusigen Nonnen in Prokofieffs "Feurigem Engel" vor eineinhalb Jahren bietet Kaslik nun völlig nackte Damen und Herren auf, die zeigen, wie man vor dreitausend-Jahren Orgien feierte. Ansonsten: Die Go-Go-Girls vor der Mondlandefähre würden für keine noch so harmlose Fernseh-Show einen Vertrag bekommen.

Moses und Aron: der eine ein Mann mit einer neuen Gotteserfahrung, aber unfähig, seine soeben gewonnenen Erkenntnisse zu artikulieren; der andere ein Demagoge, der die Massen beherrscht, ihnen wenn es nötig ist nach dem Munde redet, aber unfähig, tiefer zu reflektieren.

Zu zeigen gewesen wäre, ob, besser: in welchem. Maße Religion Opium für das Volk ist; wie und warum ein hungerndes Volk mit frommen Reden zu beschwichtigen und mit Ersatz zu befriedigen ist; welche uralten Fetische in der modernen Leistungsgesellschaft immer noch wirksam sind.