Von Edith Zundel

Wie weiland Harun al Raschid sich unerkannt unters Volk mischte, so machte dieser Tage Staatssekretär Bayerl aus dem Bundesjustizministerium Besuch bei Menschen, die sonst um Repräsentanten des Staates einen großen Bogen machen. Der "Kollege aus Bayern" (so war er von seinem Begleiter vorgestellt worden) .sprach mit einem Exhibitionisten, flirtete ein wenig mit "Schneewittchen", der Schwester eines rauschgiftsüchtigen Diebes, und lud den Rockerkönig der Stadt zum Mittagessen ein. Der Staatssekretär wollte sich über die Praxis der Bewährungshilfe informieren, jener Institution, auf die Gesellschaft und Gesetz einen großen Teil der Sorge um die Resozialisierung Straffälliger übertragen, besser sollte man sagen: abgeladen hat.

Die Bewährungshilfe, Anfang der fünfziger Jahre von Juristen und Sozialarbeitern versuchsweise eingeführt und schon bald darauf gesetzlich verankert, ist durch die Strafrechtsreform zu ungeahnter Bedeutung gelangt. Man schätzt, daß in Zukunft fast jeder zweite straffällig Gewordene mit ihr zu tun bekommt. Ihr Ziel: Wiedereinordnung der Straffälligen in die Gesellschaft, mit einem Modebegriff ausgedrückt, Resozialisierung. Und dies soll in Freiheit geschehen, entweder – bei der Strafaussetzung zur Bewährung – ohne daß der Straffällige mit der Strafanstalt in Berührung zu kommen braucht oder als Hilfe zur Wiedereingliederung nach dem Aufenthalt hinter Gittern.

Läßt sich dieses Ziel realisieren? Und – wenn ja, wie läßt es sich realisieren?

Ein Fall von vielen: Vergangenheit und Zukunft waren für Dieter K. gleich trist, als er 1967 aus der Jugendstrafanstalt probeweise entlassen wurde. Seine Vergangenheit: geboren 1947, 1952 Tod der Mutter, 1956 neue Heirat des Vaters, eine Stiefmutter, mit der er sich nicht verstand, fünf Stiefgeschwister, mit zehn Jahren zum erstenmal verführt, von vierzehn an regelmäßiger Umgang mit älteren Frauen und Homosexuellen, Strichjunge. Mit sechzehn Diebstähle. Dann Fürsorgeerziehung. Beginn einer Kochlehre, weitere Diebstähle, Jugendstrafanstalt.

Jetzt ist er zur Bewährung entlassen, mit 7000 Mark Wiedergutmachungsverpflichtungen und schlechter Prognose. Er gilt als unordentlich und unsauber, labil, schwer belastet, aufbegehrend kritisch, ohne eigene Fehler zu sehen.

Die Bewährungszeit soll zwei Jahre dauern. Im Entlassungsbeschluß erteilt ihm der Jugendrichter die Auflagen: sich nicht mit ehemaligen Mithäftlingen zu treffen, seine Lehre zu beenden, jeden Wechsel seines Arbeitsplatzes und seiner Wohnung dem Bewährungshelfer zu melden und alle seine Lebensführung betreffenden Anordnungen des Bewährungshelfers zu befolgen. Das klingt nach strenger Autorität, und mit der hat Dieter immer schon auf Kriegsfuß gestanden.