Als der Wiener Otto Muehl im Dezember des vergangenen Jahres in der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste ein "Happening" veranstaltete, in dessen Verlauf unter anderem eine Schweineschlachtung, notdürftige Verrichtungen und ein verhältnismäßig zurückhaltendes Beilager vorkamen, würde dieses provozierende Schauspiel mit nicht weniger als sechzehn Strafanzeigen bedacht. Der Einstellungsbeschluß des Ersten Oberstaatsanwalts, Dr. Thiele, kennzeichnet die Veranstaltung zwar als "von Unästhetischem, Scheußlichem und Ekelerregendem durchsetzt", sieht aber keine Strafwürdigkeit der Beteiligten. Muehl habe diese Form gewählt, "um mit der Durchbrechung von Tabus schockierend und provozierend zu wirken, nicht aber um sein Publikum sinnlich zu stimulieren".

Die Anstrengungen des Dr. Thiele, Verständnis für eine ihm, vermutlich nicht naheliegende Kunstform aufzubringen, stehen recht einsam da. Als Ende Februar der (wie Muehl) zum Wiener Aktionskreis gehörige Hermann Nitsch in München versuchte, sein "7. Abreaktionsspiel" zu veranstalten, verhinderte dies die Polizei. Sie stützte sich auf eine Verfügung des Münchener – Amtes für öffentliche Sicherheit und Ordnung, das sich wieder auf die Braunschweiger Erfahrungen und "das sittliche Empfinden und das Rechtsgefühl aller billig und gerecht Denkenden! berief. Um das Verbot der unliebsamen Veranstaltung durchzusetzen, scheute man sich nicht, sie entgegen aller eigenen Erwartung als "öffentliche Vergnügung" zu deklarieren: Eine solche bedarf nämlich der Genehmigung der Landeshauptstadt München.

Ärgerlich ist, daß durch solche Interventionen einer antiquarischen Obrigkeit eine angemessene kritische Prüfung des Orgien-Mysterien-Theaters, die Konzeption und (mögliche) Leistung in Beziehung setzt, sehr erschwert wird. Die Reaktion unserer Öffentlichkeit auf derartige Veranstaltungen erteilt diesen ein Recht, das ihnen sonst vielleicht nicht zukäme.

Nitsch hat seine Vorstellungen in einem sehr aufwendigen Bande vorgelegt –

Hermann Nitsch: "Orgien – Mysterien – Theater"; März Verlag, Darmstadt; 344 S., Abb., 35,– DM.

Man kann die Bedeutung des Buches zunächst rechnerisch einschränken: Die Manifeste, Aktionsbeschreibungen und so weiter erscheinen in Englisch und Deutsch; über drei Viertel davon sind Wiederholung (mythische Stereotypie?). So bleiben etwa 43 zu untersuchende Seiten übrig. Zu diesen gehören ein Aufsatz von Peter Gorsen ("Der spielbar gemachte Lustmord") und ein Vorwort von Oswald Wiener, der die radikalästhetischen Aktionen seines "Parteifreunds" als "Politik der Erfahrung" wertet: "Wenn wir den uns gemachten alltag subtrahieren, wird von der Wirklichkeit nichts übrigbleiben. Nitsch hat sich an diese rechnung gemacht, das beweist der Staat, indem er ihn verfolgt."

Auch hier also wird die Nitsch-Konzeption ex negativo gerechtfertigt. Es läßt sich jedoch zeigen, daß sie damit verfehlt wird. Nitsch geht nicht von der Provokation aus, er will nicht mit der Durchbrechung von Tabus schockieren, jedenfalls ist das nicht sein Ansatz, er begreift vielmehr seine Kunstproduktion als "form der seinsmystik", will durch den Abstieg ins Extreme, "durch restloses ausleben und erleben das auferstehungsfest erreichen". Sein animalisch-existentielles Konzept erinnert sehr an H. H. Jahnn. Indem "die sinnliche empfindungskraft des menschlichen direkt in die kunst überströmt, ... übermittelt sich das sein konzentriert und unmittelbar".