Von Dieter Buhl

Nachdem sie zwanzig Jahre lang demütigende Zurückweisungen hinnehmen mußte, konnte die Volksrepublik China am Freitag vergangener Woche erstmals einen Triumph bei den Vereinten Nationen feiern. Unter einem Beifallssturm, wie ihn der Glaspalast am East River selten erlebte, wurde das Abstimmungsergebnis über die China-Frage bekanntgegeben: 51 Mitglieder der UN stimmten für und 49 gegen den Aufnahmeantrag, den Albanien gemeinsam mit siebzehn anderen Staaten eingebracht hatte; 25 Staaten enthielten, sich der Stimme. Zum erstenmal sprach sich damit die Mehrheit der Vollversammlung für die Aufnahme der Volksrepublik China in die Weltorganisation und für die Ausstoßung Nationalchinas aus.

Obwohl die Ablehnung der Aufnahmeanträge bereits zu einer alljährlichen Routineangelegenheit der UN geworden zu sein schien, kam der Erfolg Pekings nicht ganz überraschend. Schließlich hatte sich das Verhältnis zwischen der westlichen Welt und dem volkreichsten Land der Erde in der letzten Zeit auffallend gewandelt: Nachdem das erschreckende Echo der Kulturrevolution verklungen und die Gefahr eines sowjetisch-chinesischen Krieges gebannt war, wurden die Bemühungen Chinas, wieder in die Weltpolitik einzutreten, unübersehbar. Dieser Wandel wurde zunächst mit der diplomatischen Anerkennung durch Kanada und Italien und jetzt mit dem Erfolg bei den UN honoriert.

Der Erfolg für die Volksrepublik China war gleichzeitig die größte Schlappe der USA in der Weltorganisation. Washington war immer der mächtigste Antagonist Pekings in den Vereinten Nationen. Zwar konnte auch diesmal die amerikanische Regierung den chinesischen Vormarsch stoppen und die Aufnahme verhindern. Doch zeigten die Argumente, mit denen das gelang, daß sich die USA bereits auf dem Rückmarsch befinden. Der stellvertretende US-Chefdelegierte Christopher Philipps verzichtete in seiner Rede gegen den Aufnahmeantrag völlig auf die bisher benutzten Schreckensbilder eines gewalttätigen und weltrevolutionären 800-Millionen-Volkes.

Wenn es den Vereinigten Staaten dennoch gelang, die Tore der UN für Peking noch einmal zu versperren, dann nur mit prozeduralen Einwänden und dem Appell an das Mitleid: Zur "wichtigen Frage" erklärt, mußten dem Antrag satzungsgemäß zwei Drittel der Mitglieder zustimmen, eine Mehrheit, die – noch – nicht erreicht wurde; und die wiederholten Hinweise des amerikanischen Delegierten auf das jahrelange, vorbildliche Verhalten Nationalchinas in den Vereinten Nationen hielten viele Mitglieder davon ab, der mit der Aufnahme Pekings verbundenen Ausschließung Taiwans zuzustimmen.

Das Abstimmungsergebnis hat das amerikanische Dilemma freilich nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Vieles deutet darauf hin, daß den Vereinigten Staaten nicht mehr viel Zeit bleibt, um ihr Verhältnis zur Volksrepublik China zu revidieren. Ansätze zu einer solchen Veränderung hat es in den vergangenen Jahren schon häufiger gegeben. So sprach sich schon John Foster Dulles 1950 dafür aus, moralische Bedenken zurückzustellen, die China-Frage realistisch zu betrachten und dem UN-Beitritt Chinas zuzustimmen. In seinem Buch "Krieg oder Frieden" stellte Dulles die für die damalige Zeit provozierende Frage, wie die Vereinten Nationen eine "Weltorganisation" sein könnten, wenn ein Volk von 800 Millionen, fast ein Viertel der Weltbevölkerung, ausgeschlossen bliebe. Dwight D. Eisenhower kam aus militärischer Erfahrung zu einem ähnlichen Schluß. Er vertrat die Meinung, man müsse "mit dem Feind" Kontakt halten, um seine Absichten frühzeitig zu erkennen. Aus diesem Grunde trat er dafür ein, alle Nationen in die UN aufzunehmen, vor allem die potentiellen Kriegstreiber unter ihnen.

Dulles und Eisenhower hatten also gute Vorsätze. Aber sie haben sie nach dem chinesischen Eingreifen in den Koreakrieg ebensowenig verwirklicht wie die nachfolgenden amerikanischen Administrationen. Zwar verlor die ehemals mächtige Taiwan-Lobby, die Washingtons China-Politik nachhaltig bestimmte, inzwischen ihren Einfluß, aber der Vietnamkrieg verhinderte alle Ansätze für ein sachlicheres Verhältnis zwischen Amerika und China.