Von Rolf Zundel

Nach den Wahlen in Hessen und Bayern sind die Propheten, die das unaufhaltsame Ende der FDP verkündet hatten, plötzlich stumm geworden. Es hat sich gezeigt, daß die Freien Demokraten tatsächlich eine Chance haben, sich auch in der Koalition mit der SPD zu behaupten und zu reüssieren. Es ist eine Chance, keine Gewißheit.

Das Wagnis der FDP begann nicht erst im Herbst 1969, sondern wesentlich früher, nämlich als die FDP sich anschickte, das feste Band, das sie an die Union gefesselt hatte, zu zerreißen und Koalitionsfähigkeit nach beiden Seiten, anstrebte Die Koalition mit den Sozialdemokraten war lange eine rein theoretische Möglichkeit geblieben; in den Bundestagswahlen von 1961 und 1965 noch hätte die FDP sich unter Erich Mende den Wählern als Koalitions- und Korrektivpartei der Union empfohlen: Erst die politische Schwäche der Union und ihres Kanzlers Erhard beendete dieses Bündnis, aber damals waren bei Sozialdemokraten und Freien Demokraten die Widerstände noch zu groß, als daß sie gemeinsam eine Koalition gewagt hätten. Noch im August 1966 behauptete Mende, 75 Prozent der FDP-Wähler wünschten keine Koalition mit der SPD, und Weyer warnte, nach dem Ausscheiden aus der Erhard-Koalition, die FDP vor einer "Öffnung nach links"; eine solche Öffnung wäre für 80 Prozent der FDP-Wähler das Signal, zur CDU/CSU überzugehen. Die Zahlen mochten übertrieben sein, in der Tendenz waren sie sicher richtig.

In der Opposition zur Großen Koalition hat sich die FDP trotz der Warnung Weyers entscheidend verändert. Eine andere Zielsetzung wurde sichtbar. Es wurde der Versuch unternommen, die FDP zur neuen Partei des demokratischen Fortschritts und des liberalen Protests zu machen. Dieser Versuch führte die FDP fast zwangsläufig zur Annahme sozialliberaler Positionen und Gedanken. Teils wurden sozialdemokratische Ideen aufgenommen, so die Erkenntnis, daß rechtsstaatlich abgesicherte Freiheit wenig nützt, wenn sie nicht sozialstaatlich im Sinne der Chancengleichheit abgestützt wird; teils wurde auf ehemalige Kampfpositionen der SPD, die von den Sozialdemokraten in der Großen Koalition nicht mehr so deutlich verteidigt wurden – wie etwa in der Ostpolitik oder bei den Notstandsgesetzen –, das Fähnlein der FDP aufgezogen.

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