Bonn, im November

Jeder hat doch seinen Papierkorb", fuhr Professor Geerds seine Zuhörer an. Der Frankfurter Kriminologe wollte damit sagen, daß er nichts Strafwürdiges daran findet, wenn einem jemand unverlangt pornographische Schriften ins Haus schickt. Ob er mit dieser Ansicht auf Verständnis gestoßen ist, wird sich allerdings erst zeigen, wenn das vierte Gesetz zur Reform des Strafrechts von den Abgeordneten im Bundestag debattiert wird. Dieses Gesetz soll die sexualrechtlichen Bestimmungen liberalisieren.

Über den Entwurf, den Justizminister Jahn im Sommer dem Kabinett vorgelegt hat, gab es in der Öffentlichkeit schon heftige Diskussionen. "Der Staat ist keine moralische Anstalt", riefen die einen und plädierten für eine möglichst weitgehende Reform, die es jedem einzelnen Bürger überläßt, was er für moralisch und sittlich hält. Nein, riefen die anderen; sie fürchteten, ein Staat, der die überlieferten Normen abschaffe, mache sich zum Zuhälter des Abstiegs und degradiere das Recht zu einer Prostituierten des Zeitgeistes.

Die siebzehn Abgeordneten des Sonderausschusses für die Strafrechtsreform konnten also großer Aufmerksamkeit gewiß sein, als sie in Bonn drei Tage lang einunddreißig Soziologen, Juristen, Sexualwissenschaftler und Psychologen in einer öffentlichen "Anhörung" (Hearing) zum Sexualstrafrecht befragten.

Die Wissenschaftler bemühten sich, Fakten und Daten über das sexuelle Verhalten ihrer Mitmenschen, über ihre Einstellung zu Ehe und Familie zu vermitteln. Die Abgeordneten versuchten, sachliche Fragen zu stellen: Wie hoch ist die Dunkelziffer beim Geschwisterinzest? Wie schädlich oder unschädlich ist die Pornographie? Anders als das "gesunde Volksempfinden", das nach einer-, Emnid-Umfrage nicht für die Freigabe der Pornographie ist (72 Prozent der Bevölkerung sind dagegen), plädierten fast alle Wissenschaftler für ihre völlige Freigabe.

Zum erstenmal hat ein junger Sexual Wissenschaftler aus Hamburg, Volkmar Sigusch, Mitarbeiter des Giese-Instituts, Material ausgewertet, das nach seiner Ansicht die Unschädlichkeit der Pornographie beweist. Er kam bei seiner Arbeit zu dem Ergebnis, daß die Konfrontation mit Bildern, Filmen und Texten eindeutig sexuellen Inhalts nicht zu einer Herabsetzung der sexuellen Kontrolle führe und auch nicht zu einer Zunahme ungesteuerter sexueller Aktivität.

Sigusch erklärte: "Es gibt überhaupt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, daß die Pornographie antisoziales Verhalten begünstigt oder dazu führt. Sexualstraftäter sind mit pornographischem Material insgesamt seltener konfrontiert worden als sexuell unauffällige Männer. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Hinweise, daß Kinder durch Pornographie geschädigt werden könnten. Die meisten Jugendlichen verlieren schnell das Interesse daran, wenn sie für sie erreichbar ist. Sie meinen, Pornographie sei Vor allem etwas für über Vierzigjährige. Systematische Befragung von fast 800 Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern ergaben, daß fast 80 Prozent mit Sicherheit verneinten, jemals einen jugendlichen Delinquenten gesehen zu haben, bei dem Pornographie in einem kausalen Zusammenhang mit der Delinquenz bestand."