Von Nina Grunenberg

Professor Hans Maier rief, und viele, viele kamen: Durch die dreifachen Kontrollen am Eingang zur Bad Godesberger Stadthalle drängten sich am Buß- und Betrag mehr als fünfzehnhundert Männer und Frauen aus allen Teilen der Bundesrepublik, überwiegend Professoren, um den Bund "Freiheit der Wissenschaft" aus der Taufe zu heben. Das Vorbereitungskomitee des Bundes war bereit gewesen, schon fünfhundert oder sechshundert Gäste als Erfolg gelten zu lassen. "Bedenken Sie doch", sagte Hans Maier, Politik-Professor aus München, "wie schwer es ist, Professoren zu organisieren." Aber offenbar fühlten sie selber jetzt ihre Stunde gekommen.

Nach der letzten Lehrkörperstatistik gibt es in der Bundesrepublik 4849 Ordinarien. Der Kongreß "Freiheit der Wissenschaft" zeigte, daß ein großer Teil davon zur Sammlung bereit ist und ein weiterer großer Teil die Aufforderung zur Selbstwehr zumindest begrüßt: 2000 Sympathieerklärungen von jenen wurden gezählt, die nicht kommen konnten oder noch abwarten wollen. Seit Donnerstag der vergangenen Woche besteht jedenfalls kein Zweifel mehr daran, daß die Professoren auf dem Wege sind, den ihnen gemachten Vorwurf der "Politikunfähigkeit" (Helmut Schelsky) zu widerlegen. und sich nach den Studenten und Assistenten als letzte und dritte politische Kraft an der Hochschule zu artikulieren.

Das süße, ungewohnte Gefühl der Solidarität mag für viele Teilnehmer das wesentliche Ereignis des Kongresses gewesen sein. Nach den Jahren der Frustration, in denen sie sich als Einzelkämpfer durchschlugen, kosteten es die Professoren bis zur Neige aus. Erleichterung tat not, und sie reagierte sich im Beifall für die Redner ab. So frenetisch haben deutsche Professoren wohl noch nie geklatscht wie bei der Eingangserklärung Hans Maiers, der ein großes Talent als "warming-up"-Redner entfaltete:

"In einer Pseudomorphose humboldtscher Einsamkeit und Freiheit‘ betrachten die marxistischen Eroberer des akademischen Elfenbeinturms die Gesellschaft ausschließlich aus der Schießscharte der .Emanzipation vom Bestehenden‘," Beifall.

"Statt der alten, immerhin durch Leistung ausgewiesenen und in sich kollegialisierten und demokratisierten Ordinarienhierarchie haben wir heute drei und mehr Hierarchien nebeneinander, die in Form feudaler Korporationen miteinander verkehren." Beifall.

"Die Universität als akademischer. Ständestaat, durch Autonomie abgehoben von der demokratischen Gesellschaft – das ist das vorläufige Ergebnis einer Bewegung, die im Zeichen von Egalisierung und Privilegienabbau ausgezogen war. Verwunderlich ist diese Entwicklung nur für den, der nicht weiß, daß Rätestaat und Ständestaat austauschbare Erscheinungen des gleichen antidemokratischen Denkens sind." Jubelnder Beifall.