Von Dieter E. Zimmer

Dieser nach der einen Rechnung seit zehn, nach der anderen seit zweiundzwanzig Jahren erste große, allgemeine Schriftstellerkongreß in der Bundesrepublik, der sich am vergangenen Wochenende in Stuttgart abgespielt hat, war eine höchst auslegbare Angelegenheit. Nichts wäre leichter, als einzelne Merkmale herauszulösen und für das Ganze auszugeben. Ohne eine Lüge wäre ein solcher Bericht dennoch eine Lüge.

Nichts zum Beispiel könnte den Beobachter widerlegen, der das Ereignis hochgestimmt als eine Art Versöhnungsfeier ausgeben möchte. Schließlich ist zu der großen öffentlichen Abendveranstaltung am Samstag Willy Brandt erschienen, um den Schriftstellern und der Öffentlichkeit eine so noble Rede zu halten, daß das von Pinscher-Worten früherer Regierungschefs konditionierte Publikum eine geradezu stürmische Ergriffenheit an den Tag legte.

"Soweit es in meiner Kraft steht, will ich versuchen, vermeidbare Gegensätze zu verringern oder doch zu schmälern ... (Ich weiß nicht nur) vom Hörensagen, daß schreibende Zeitgenossen sich in der latenten Gefahr befinden, zu Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie zu werden ... Ich scheue mich nicht, als Politiker, Sie, die Schriftsteller, um Hilfe zu bitten, damit nicht abermals die Vernunft an der Ignoranz scheitert ..."

So klare und unprätentiöse Sätze hat den Schriftstellern noch kein Kanzler gesagt. Dennoch, es brauchte nicht erst Martin Walsers Unmut über diese "SPD-Familienfeier" oder den Diskussionsbeitrag aus dem Publikum über den "verwesenden Leichnam Sozialdemokratie", um zu erkennen, daß die gegenwärtig ganz erhebliche Übereinstimmung zwischen einem Teil der Schriftsteller und der Regierungspartei von links natürlich angefochten wird; und es brauchte auch nicht Heinrich Bölls Hoffnung, die Regierung Brandt möge noch drei Regierungsjahre vor sich haben, um zu wissen, daß der Rückfall in Pinscher-Zeiten und Schlimmeres sehr schnell kommen kann. Als Versöhnungsfest war der Kongreß also weder unbestritten noch irgendwie endgültig; und dennoch war er eins.

Ein eher zu dramatischen Eindrücken neigender Beobachter könnte andererseits die Kontroverse Grass/Walser, die sich die beiden vor der gesamten Öffentlichkeit lieferten, zu einem prinzipiellen Zerwürfnis hochstilisieren und daraufhin das Tagungsmotto, das "Einigkeit der Einzelgänger" lautete, sarkastisch zu "Streitigkeit der Gruppengeister" abändern.

Dabei, bestand die Uneinigkeit höchstens darin, daß der eine, daß Martin Walser ein ferneres Ziel im akrobatischen Standsprung erreichen wollte, Günter Grass aber empfahl, fürs erste auf dem Teppich zu bleiben, der kein fliegender ist. Walser: "Im Zeitalter des Medienverbunds wird der literarische Autor mit seinem Urheberrecht eine noch komischere Figur werden, eine Art Rohstofflieferant, dem die terms of trade einfach diktiert werden können." Die Schriftsteller sollten durch ihre Organisation "auf das Stadium der ökonomischen Konzentration antworten, dem (sie selber ausgesetzt sind... Nur eine IG Kultur kann aus dem Grüppchenwesen eine Gruppe machen, die dem Multimedia-Konzern gewachsen ist."