Drittens der "Bibliotheksgroschen" nach schwedischem Vorbild, eine Abgabe von zehn Pfennig pro Buchentleihung aus allen öffentlichen Bibliotheken, konfessionellen und industrieeigenen. Er würde im Jahr etwa zehn Millionen Mark ergeben, von denen mindestens die Hälfte in einen Sozialfonds wandern soll, aus dem sich die Schriftsteller ein Altersversorgungswerk teilfinanzieren wollen, aus dem aber auch Geld für Härtefälle oder Arbeitsstipendien zur Verfügung stünde. Der restliche Teil soll nach Abzug der Regiekosten (etwa 15 Prozent) an die Schriftsteller direkt verteilt werden, und zwar bemessen nach der Häufigkeit, nach der ihre Werke entliehen worden sind, mit einer Grenze nach oben und einer nach unten.

Die Unverfrorenheit, mit der der Verlegerausschuß im Börsenverein kurz vor dem Kongreß prophylaktisch Ansprüche auf die nach der Novellierung vielleicht anfallenden, allein von den Autoren erkämpften Zweitrechte angemeldet hat, Ansprüche, die diesen notwendigen Sozialfonds zunichte machen würden, verdient fast schon wieder Bewunderung: Da genieren sich die Partner jenseits des Schreibtisches plötzlich gar nicht mehr, sich auf ihre moralisch und rechtlich verbrieften Unternehmerrechte zu berufen. Um dem beleidigten Dementi des Börsen Vereins zuvorzukommen: Ich weiß, sie lenken ja nun, nachdem der VS ihre diesbezügliche Empfehlung als Kriegserklärung aufgefaßt hat, vielleicht ein, vielleicht haben sie es auch nie so gemeint, sondern nur so getan.

Und ich weiß ebenso, daß das Verlegen von qualifizierten Büchern wie von qualifizierten Zeitungen immer schwieriger wird, daß es nicht nur vielen Autoren, sondern auch vielen Verlagen schlecht geht; daß ihre Forderung also nicht der pure Übermut war.

Damit aber ist auch der Hauptpunkt berührt, und hier sollte man sich keinen Illusionen und keiner Augenwischerei hingeben. Der Bibliotheksgroschen ist nur scheinbar eine Einnahme aus einer weiteren Nutzung von Büchern. In Wahrheit ist er nichts anderes als eine staatliche Subvention für Literaten, zu finanzieren aus dem Steueraufkommen. Denn es besteht Einigkeit darüber, daß diese Gebühr nicht von den Bibliotheksbenutzern kassiert werden kann – sie kann es nicht, weil das viel zu umständlich wäre und weil die Bibliotheksbenutzer nicht getroffen werden sollen. Pauschal aber sollen die Bibliotheken selber auch nicht belastet werden – es wurde ausgerechnet, daß diese Abgabe die Anschaffungen etwa bei der Stadtbücherei Köln um 36 Prozent, bei der Stadtbücherei Mainz um 58 Prozent drosseln würde. Das heißt: Die Länder, eventuell auch der Bund, sollen die nötigen Mittel zusätzlich zur Verfügung stellen.

Warum das Ganze dann überhaupt noch "Bibliothekstantieme" heißen soll, ist schleierhaft. Mit den Bibliotheken hätte die Angelegenheit nur noch insofern etwas zu tun, als ein (kleinerer) Teil des zusätzlich bereitgestellten Steuergeldes ungefähr proportional zu der Häufigkeit der Buchausleihungen verteilt würde – ein rein statistisches Junktim also; und als auch Kirchen und Industrie etwas zur sozialen Sicherung der Urheber beitragen sollen.

In Schweden, wo der Staat 8,50 Mark pro Kopf der Bevölkerung für die Bibliotheken aufwendet, in allen Ländern mit einem gut ausgebauten, robusten Bibliothekswesen hat die Bibliothekstantieme einen Sinn; in der Bundesrepublik, wo in einem Land wie Bayern für die Bibliotheken ganze 22 Pfennig pro Einwohner ausgegeben werden, ist die Situation eine völlig andere; eine echte Bibliothekstantieme würde die ohnehin siechen deutschen Bibliotheken zu empfindlich treffen.

Unter diesen Umständen die Bibliothekstantieme überhaupt zu kopieren, scheint mir eine absurd komplizierte Methode, Schriftstellern zu Steuergeldern zu verhelfen; mit nicht viel weniger Grund könnte ein statistisches Junktim mit der städtischen Müllabfuhr aufgestellt werden: je weniger Abfall im Literaten-Mülleimer, desto weniger Zuschuß. Da die Bibliothekstantieme in diesem Stadium jedoch nicht mehr zugunsten direkterer Wege der Geldverteilung abzublasen ist, sollte sich der Schriftstellerverband wenigstens die konkreten Vorschläge von Carl Amery zu eigen machen, die darauf hinauslaufen, die Bibliotheken selber zu entlasten, bibliotheksfreundlichen Ländern und anderen Trägern entgegenzukommen und auf keinen Fall zwischen Bibliotheken und Schriftstellern eine Kampfsituation entstehen zu lassen.