Wie auch immer: hier wird der Staat beginnen, Literatur direkt zu subventionieren. Beim Theater, bei den Museen, in verquerer Weise auch beim Film tut er es längst; bei der Literatur ist es ein neues Gefühl. Er wird es tun müssen, weil die Literatur in ihrer Vielfalt unter den mörderischen Marktgesetzen nicht von allein überleben kann; weil ihre Urheber wie ihre Verbreiter wirtschaftlich zu schwach sind; weil die Methode, mit der man als Autor oder als Verbreiter zu einer angemessenen Bezahlung seiner Arbeit kommen kann, am ähnlichsten noch der Lotterie ist; weil ein paar Bücher über die Maßen gut gehen und die anderen fast gar nicht; weil entsprechend ein paar Leute sehr viel verdienen und die anderen der primitivsten sozialen Sicherungen entraten müssen; weil die Massengesellschaft des Industriezeitalters notwendig den Bestseller hervorbringt, und ein Bestseller heißt: ein paar Hundert andere Bücher, an denen im günstigsten Fall nichts zugesetzt wird; kurz, weil die qualifizierte Literatur ohne Protektion tatsächlich und nicht nur metaphorisch sterben wird.

Ich selber kann mir ihre Zukunft nur noch vorstellen wie die Boutiquen bei C & A: Sie überlebt in besonders feinen Extra-Abteilungen von Medien-Großkonzernen, die sich mit ihr schmücken, die aber auch durch staatliche Regulative dazu angehalten werden. Daß genossenschaftliche Verlage der Autoren selber ein anderer Ausweg wären, ist leider nicht ohne weiteres anzunehmen; denn der Grund des Dilemmas ist schließlich nicht die Raffgier der Unternehmer-Verleger, so. wenig zu bestreiten ist, daß hier krasse Fälle von Ausbeutung und Betrug vorkommen und daß das Verhältnis Autor-Verlag insgesamt noch alles andere als partnerschaftlich ist; sein Grund ist vielmehr, daß die Schicht, welche Interesse an qualifizierter Literatur aller Sparten zeigt, heute noch viel zu schmal ist, um allen ihren Urhebern ein Auskommen zu ermöglichen. Aufs platteste gesagt: Das Publikum ist zu klein. Es gibt nicht genug Geld aus für seine ausgefallenen Bedürfnisse. Findet die Gesellschaft, daß diese nicht nur Marotten sind, sondern zu Recht bestehen, so muß sie diese Minderheit subventionieren. Teuer ist es übrigens nicht.

Daß die Autoren mit ihrem plötzlich erwachten Selbstbewußtsein, mit Böll zu reden, "mißverständlich" wirken können, wissen Sie. Böll: "... wenn dieser historische Augenblick vorüber, ist, dann müssen die letzten die ersten sein, die ihre Rechte, ihr Eigentum neu bedenken und in eine neue Eigentumspolitik einbringen. Hier und jetzt schon freiwillig zu verzichten oder sich zu beschränken, wäre sträflich." Grass: "...bietet sich als Modell für soziales Verhalten das Verhalten der Schriftsteller zum Eigentum an. Es ist nicht einzusehen, warum sich Großgrundbesitz und Großvermögen von Generation zu Generation vererben dürfen, wenn geistiges Eigentum nach angemessener Frist freigesetzt und dem Wohle der Allgemeinheit verpflichtet wird." Böll, noch einmal: "Die Ziele (der Autoren) könnten von einer absurd bürgerlichen Auffassung so denunziert werden, als ginge es nur ums Geld... Aber nur Bankiers können so naiv sein zu glauben oder vorgeben zu glauben, Geld wäre nicht politisch. Autoren können sich diese Naivität nicht leisten."

Die diffuse Rebellionsstimmung – hier nimmt sie nun konkrete Züge an. Wo Schriftsteller heute von Novellen reden, ist keine Literaturgattung, sondern eine sozialpolitische Paragraphengattung gemeint, Sie holen auf.