Von Walter Hinderer

Die eigentümliche Art der Kunstproduktion und ihrer Werke fülle unser höchstes Bedürfnis nicht mehr aus: "Wir sind darüber hinaus, Werke der Kunst göttlich verehren und sie anbeten zu können." Als Hegel dies um 1820 in seinen "Vorlesungen über Ästhetik" vortrug, waren eben die "Urworte Orphisch" von Goethe erschienen und weder Stefan George noch Rainer Maria Rilke geboren.

Und wieder einmal scheint man mit dem oder ohne den Verfasser der "Phänomenologie des Geistes" zu fragen, ob "der Gedanke und die Reflexion" nicht "die schöne Kunst" schon längst überflügelt haben und Literatur und Kritik nicht bereits der Vergangenheit angehören. Aber man könnte zum Thema auch Bertolt Brechts launige Feststellung bemühen: "Kunstwerke haben das Recht, intelligenter zu sein als die Wissenschaftliche Psychologie ihrer Zeit, aber nicht das Recht, dümmer zu sein."

Doch was sollen die Kunstwerke mit und in einem Bereich, auf den sich wissenschaftliche Psychologie ohnedies besser versteht und den sie auch adäquater darzustellen weiß? Nicht die Intelligenz der Kunst oder der Kunstkritik allerdings steht heute in Frage, sondern deren zeitgeschichtliche, politische und soziologische Relevanz. Selbst die Literaturwissenschaft bemüht sich langsam um eine Erweiterung ihres von traditionellen ästhetischen und formalistischen Ideologien begrenzten Arbeitsfeldes.

Da scheint es an der Zeit, nicht nur die logischen Grundlagen der Kritik zu befragen, sondern vor allem auch die ihrer Objekte. Läßt sich Unmenschlichkeit mit literarischen Mitteln beschreiben? Wo liegen Grenzen und Möglichkeiten des politischen Zeitstücks? Sind Wirklichkeit und Wahrheit überhaupt dichtungsrelevante Begriffe? Solche Fragen führen zwangsläufig zu den sprachtheoretischen Grundlagen von Dichtung, zu ihrer Phänomenologie zurück, welche die Stuttgarter Germanistin Käte Hamburger in der "zweiten, stark veränderten Auflage" ihres Buches

Käte Hamburger: "Die Logik der Dichtung"; Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 284 S., 28,– DM

noch konsequenter und überzeugender als in ihrem nun an manchen Stellen überholten ersten Versuch (1957) herausgearbeitet hat. Vom Aussagesystem der Sprache her bestimmt sie hier die Grenzen von Dichtung als "Illusion, Schein, Fiktion" und ordnet die alten, entweder an äußeren Formmerkmalen oder ideellen Gesichtspunkten orientierten Gattungsbegriffe "Epik", "Dramatik" und "Lyrik" neu nach ihren logischen Strukturen an.