Von Kilian Gassner

München, im November

Franz Josef Strauß zeigte sich nicht als strahlender Sieger. Mit hochgezogenem Stiernacken und unruhigen Augen sagte er, daß er einen derart hohen Stimmenzuwachs nicht erwartet habe. Die erfolgreiche Öffnung der Christlich-Sozialen Union nach rechtsaußen kam ihm augenscheinlich selbst ein wenig unheimlich vor. Strahlen indes konnten die Gewinner wider alle Hoffnung, die Freien Demokraten, voran die sympathische "Krampfhenne" (Strauß) Hildegard Hamm-Brücher. Nach vierjähriger Aussperrung ziehen sie mit einer zehnköpfigen Fraktion – der stärksten seit 1954 – wieder in den bayerischen Landtag ein.

Für die Bundespolitik ist an diesem Wahlergebnis vor allem eines wichtig: daß Strauß trotz starker Stimmengewinne der CSU die sozialliberale Koalition nicht, wie er es vorhatte, aus den Angeln heben kann. SPD und FDP haben im Vergleich zur letzten Bundestagswahl zusammengerechnet leicht zugenommen. Eine Portion gewichtiger wird der CSU-Vorsitzende allerdings gegenüber der Schwesterpartei CDU auftreten können.

Im weiß-blauen Freistaat fand am vergangenen Sonntag eine beträchtliche "Stimmenwanderung" statt. Die CSU nahm um 8,2 Prozent zu und sicherte sich zur Mehrheit der Sitze auch prozentual (56,4) die absolute Mehrheit. Die NPD fiel von 7,4 auf 2,9 Prozent zurück und ist (vorher 15 Mandate stark) aus dem siebten Bayerischen Landtag hinauskatapultiert. Die SPD verlor 2,5 Prozent ihrer Anhänger und 11 ihrer 40 Direktmandate an die CSU; sie bekam 33,3 Prozent. Die CSU hat außer von der NPD vom weiteren Siechtum der Bayernpartei (Rückgang von 3,4 bei den letzten Landtagswahlen 1966 auf 1,3 Prozent) profitiert, aber auch frühere SPD-Wähler gewonnen. Vorwiegend wohl Heimatvertriebene, die mit der Bonner Ostpolitik nicht zurechtkommen.

Daß die Wahlnacht zur spannendsten in der bayerischen Nachkriegsgeschichte wurde, lag an. der FDP. Man wußte, daß ihr der Sprung über die 10-Prozent-Wahlkreis-Hürde nur in Mittelfranken gelingen konnte, wo sie bei den letzten Landtagswahlen 9, bei den Bundestagswahlen aber nur noch 5,6 Prozent erreicht hatte. Jetzt kletterte sie auf 12,2 Prozent. Dabei sticht die Stadt Erlangen heraus, wo offensichtlich viele Studenten "politisch" reagierten und die FDP-Stimmen um 6,5 auf 19,9 Prozent aufstockten. Wenngleich die Freien Demokraten in Bayern weit weniger "Leihstimmen" von der SPD bekommen haben als vierzehn Tage zuvor in Hessen, ist in Nürnberg-Ost das eingetreten, was die bayerische SPD in größerem Umfang verhindern wollte: In dieser SPD-Domäne scheiterte der SPD-Kandidat, weil FDP-Star Hamm-Brücher so viele Stimmen "abzog", daß schließlich mit knappem Vorsprung der CSU-Bewerber das Rennen machte. Bei den Zweitstimmen indes überflügelte die SPD wieder die CSU. Außerhalb Mittelfrankens sorgten die Bewohner im Münchner Prominentenviertel Bogenhausen mit 21 Prozent FDP-Stimmen für eine Überraschung.

Überdurchschnittliche Zuwachsraten erhielt die CSU in jenen Gegenden, die nach 13jähriger CSU-Regierung noch als die Armenviertel des blühenden Bayernstaats gelten, in Niederbayern und in der Oberpfalz. Dort läßt sich der Stimmengewinn auch nicht allein mit NPD- und Bayernpartei-Überläufern erklären, vielmehr erlitt auch die SPD Einbußen bis über 6 Prozent. Es scheint, als resignierten die bayerischen Sozialdemokraten, in diesen Regierungsbezirken jemals fester Fuß fassen zu können. In Niederbayern stieg der CSU-Anteil inzwischen weithin auf über 70 Prozent, in der Oberpfalz vielfach auf über 80 Prozent.