Von Karl-Heinz Janßen

Die sowjetischen Leser der Prawda und die Hörer von Radio Moskau müssen nicht schlecht gestaunt haben, als Nikita Chruschtschow sich zum erstenmal seit seinem Sturz im Oktober 1964 wieder öffentlich zu Wort meldete. Jahrelang war er für Presse und Historie eine Un-Person gewesen, nun druckte die Prawda einen von ihm signierten Brief ab, Chruschtschow zeigte sich darin entrüstet über die Ankündigung westlicher Verlage, daß seine "Memoiren" oder "Materialien für Memoiren" veröffentlicht werden sollten. Er habe dergleichen, so beteuerte er, weder an den amerikanischen Verlag Time Inc. noch an andere ausländische Verlagsunternehmen, ja, nicht einmal sowjetischen Verlagen ausgehändigt. "Darum erkläre ich dies alles für eine Fälschung." Zuvor hatte schon seine Frau Nina das Ganze als einen Irrtum oder einen Witz bezeichnet.

Natürlich ließen sich die Illustrierten Life und stern, die Tageszeitungen Times, II Tempo und France-Soir und die Buchverlage Little, Brown and Co., André Deutsch und Rowohlt durch diese Dementis nicht von der Veröffentlichung abhalten – sie hatten dieses Echo aus Moskau einkalkuliert. Überdies bestritt Chruschtschow in seinem Dementi gar nicht, daß er Memoiren geschrieben oder auf Band gesprochen habe – nur die Weitergabe dementierte er. Ohnehin hatte der Time-Konzern, bei dem die Rechte liegen, alle Käufer gewarnt, das Material als "Memoiren" auszugeben. Der Stern behalf sich mit der Formulierung: "Nikita Chruschtschow erinnert sich".

Drei Fragen, die bislang noch von niemandem hinreichend beantwortet wurden, drängen sich auf. Erstens: Sind diese "Erinnerungen" echt? Zweitens: Wenn ja, welche Absicht steckt dahinter? Drittens: Wie sind sie in den Westen gelangt?

Time schweigt sich über die Herkunft der Buchvorlage beharrlich aus. In einer Verlagsmitteilung heißt es geheimnisvoll, das Buch bestehe aus Material von verschiedenen Quellen, das zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen zusammengetragen worden sei. Dies mag eine Schutzbehauptung sein. Eine oder die einzige Quelle könnte der sowjetische Journalist Victor Louis gewesen sein, der schon mehrmals echte Manuskripte und Filme aus der Sowjetunion in den Westen gebracht hat. Louis, offiziell Moskauer Korrespondent der Londoner Evening News, steht im starken Verdacht, für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten. In der Woche vom 20. bis 27. August wohnte er in Zimmer Nr. 322 des Kopenhagener Hotels D’Angleterre auf derselben Etage wie der Nachrichtenchef von Time-Life, Murray Gart, und der Moskauer Life-Korrespondent Jerrold Schecter. Man sah die drei häufig zusammen Whisky trinken und in ihren Zimmern aus und ein gehen. Der 76jährige Pensionär Chruschtschow lag zur selben Zeit wegen eines Herzleidens in einem Moskauer Krankenhaus – und merkwürdigerweise hat er sich nach Bekanntwerden der Publikation wieder dorthin begeben.

Die Los Angeles Times behauptet, die Materialien seien in einem Zeitraum von achtzehn Monaten per Kurier aus der Sowjetunion herausgeschmuggelt worden, und zwar abwechselnd über Helsinki, Kopenhagen, Wien und Sofia. Nach dieser Version, die von Pierre Lazareff, dem Verleger von France-Soir, bestätigt wird, handelte es sich um Tonbänder mit rund einer Million Wörtern, nach anderer Darstellung um ein Diktat von zwanzig Stunden. Die National Broadcasting Corporation (NBC) hatte schon 1967 ein Fernsehinterview mit Chruschtschow gesendet, das ebenfalls Victor Louis besorgt hatte und das ursprünglich fünf Stunden lang gewesen sein soll. Passagen aus jenem Interview hat der Londoner Ostexperte und ZEIT-Mitarbeiter Victor Zorza in den neuesten "Erinnerungen" wiederentdeckt, diesmal jedoch um etliche Sätze ergänzt. Es muß also irgend jemand – vielleicht der sowjetische Geheimdienst – alte Tonbänder auseinandergeschnitten und nach Zweck und Laune wieder zusammengeklebt haben.

Dem britischen Kremlologen Edward Crankshaw wurde von Time-Life ein maschinengeschriebenes Manuskript, das anscheinend nur ein Tonband-Transkript war, in Russisch vorgelegt, damit er es auf seine Echtheit prüfe. Crankshaw, ehedem Korrespondent des Observer in Moskau und Verfasser einer 1959 erschienenen Chruschtschow-Biographie, brauchte nur ein paar Seiten zu lesen, und sein Urteil stand fest: "Hier sprach Chruschtschow selbst, ganz und gar unmißverständlich, eine Stimme aus der Vorhölle, aber immer noch eine sehr lebendige Stimme."