Köln

Nur ein paar Schritte von Kölns "schmutziger Meile", dem Ring, löst eine dralle Blonde im grob Gehäkelten die Hand vom Ohrläppchen des älteren Herrn auf dem Barhocker vor ihr. Ihr abrupter Druck auf einen Knopf läßt die konsumfördernde Musik jäh ersterben. Darauf macht sie den nicht eben zahlreichen Gästen des Etablissements die mikrophonverzerrte Mitteilung, daß nunmehr der Höhepunkt der Nacht bevorstehe. Eine sündig-rauchige Tonbandstimme erläutert, es handele sich um die "Salondame der siebziger Jahre: Marion Mario". Die Kölner Sex-Sensation ist von walkürenhafter Gestalt und entsprechend gewandet. Zu Zarah-Leander-Platten haucht sie bedeutungsinnig in ein anschlußloses Mikrophon und drückt abschließend mit wohldosierter Kraft mürrische Männergesichter an den inzwischen freiliegenden Busen. Doch schon der zweite Kandidat wehrt sich entschlossen – aus hygienischen Gründen, wie er sagt.

Indes: "Der Mann ist nicht schuld", erkannte die Salondame. Und weil, wie sie überdies herausgefunden hat, "es immer von der Frau abfängt", entschloß sich die Ausziehdame und Leih-Sangeskünstlerin, "mal was Richtiges gegen diese Sex-Krise in Deutschland zu machen": Und nun gibt es im heiligen Köln "Deutschlands erste Striptease-Schule" unter der fachkundigen Leitung der Barbusigen ("Wir sagen Stripteuse, es gibt da ja noch Unterschiede"). Nicht etwa Nachwuchs für die Nackttanzdielen und Spesenritterabsteigen auszubilden, hat die Jung-Pädagogin im Sinn – "das machen wir so nebenbei". Die unverehelichte’ Entkleidungsprofessorin stellt ihre Sachkunde in den Dienst der bürgerlichen Ehe: "Das ist doch ein Trauerspiel, diese Ehen, besonders in Deutschland, bei meiner internationalen Erfahrung kann ich das schon sagen. Warum, kommen denn die Männer hier ins Lokal?"

Die vier mürrischen Herren auf ihren Hockern, von der üppigen Barfrau mühsam unter Konsumzwang gehalten, ahnen noch nicht, daß die Rettung so nahe ist. "Die Ehefrauen, egal wie alt, sollen zu mir in die Striptease-Schule kommen", liftet Marion Mario entschlossen ein langgehütetes Geheimnis: "Unser Feind ist die andere Frau, unser Ziel ist der Mann." Die Frage nach dem totalen Krieg ist demnach beantwortet, die Fronten sind abgesteckt, und die Schlacht beginnt jeweils spätnachmittags, wenn der Ehemann (und nur er, denn: "Eine Ehefrau gehört nach Hause!") aus der großen, weiten Welt an den heimischen Herd zurückkehrt.

Der taktisch günstigste Platz des liebenden Weibes, so rät die Lehrerin, ist jetzt in der Küche, in die das Opfer Mann vermittels köstlicher Kochdünste gelockt wird, um dortselbst der Seinen in einem durchsichtigen Negligé – "aber noch mit was drunter" – ansichtig zu werden. Dazu empfiehlt die Meisterin "music to strip by", eine von ihr selbst oft und oft unter harten Profibedingungen erprobte Scheibe.

Den Mann haben sich, getreu des Wahlspruches der bloßen Pädagogin, überall im sexuellen Notstandsgebiet Bundesrepublik Frauen zum Ziel gesetzt. Und deshalb "kommen auch aus ganz Deutschland Ehefrauen zu mir, um sich helfen zu lassen", erläutert die Schulmeisterin. Wo immer sie helfen kann – für 500 bis 700 Mark für ein paar Tage – da ist sie zur Stelle, weil doch "die Not so groß ist". Man würde sich wundern, "wer alles zu mir kommt, aber ich habe ja doch die Schweigepflicht".

Freilich, die Aufgabe erscheint übermächtig, so ganz allein gegen die Sex-Nöte der Nation anzukämpfen, "aber einer muß ja anfangen". Marion hat nun angefangen. Folgsam sagt sie ihr letztes Sprüchlein auf, eine Erkenntnis, die im Trubel der Leistungsgesellschaft leicht vergessen worden wäre: "Man muß den Mann fordern, den Mann fordern!" Und weil sie wieder das "r" so schön gerollt hat, schaut sie sich beifallsheischend in der Runde um, wie der Tanzbär eines Wanderzirkus, der nach zehn Jahren endlich den einarmigen Handstand geschafft hat.

Hans-Werner Conen