München, im November

Bereits 1971 könnte es zu offiziellen Landerkämpfen zwischen Sportlern der Bundesrepublik und der DDR kommen. Dieses überraschende Fazit ergab sich, als am Freitag vergangener Woche die Verhandlungsdelegationen des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) in München nach knapp dreistündigem Gespräch auseinandergingen. Sie vereinbarten kein neues Treffen. Die Festlegung sportlicher Wettkämpfe ist jetzt Sache der Fachverbände, die bereits miteinander gesprochen und nur auf das Ergebnis von München gewartet hatten.

Wenngleich diese Entwicklung im Kielwasser der politischen Ost-West-Gespräche möglich schien, kam das schnelle Resultat dennoch unerwartet. Am 16. August 1961, drei Tage nach dem Mauerbau, hatten der DSB und das Nationale Olympische Komitee (NOK) dazu in einer Gefühlsaufwallung den Entschluß gefaßt, den gesamtdeutschen Sportverkehr einzustellen. Diesen voreiligen Beschluß haben die Verantwortlichen längst bereut. Nun freilich taucht die Frage auf, ob sie nicht wieder zu weit vorgeprellt sind.

Technisch und protokollarisch steht den Begegnungen vom Fußballklubkampf bis zum offiziellen Länderspiel kaum etwas entgegen. Die scheibchenweise abgegebenen Erklärungen der CDU/SPD-Regierung vom 18. Dezember 1968 (Duldung der DDR-Symbole bei den Olympischen Spielen 1972 in München) und schließlich vom 22. Juli 1969 (Duldung bei allen internationalen Sportveranstaltungen in der Bundesrepublik, sofern das Reglement der betroffenen internationalen Fachverbände ein Protokoll mit Flaggen und Hymnen vorschreibt) schließen Meinungsverschiedenheiten aus.

Die Berlin-Frage schien zunächst ebenfalls elegant umschifft: Da ein Westberliner Schwimmer dem Deutschen Schwimmverband der Bundesrepublik vorsteht und er in seiner Auswahl einsetzen kann, wen er von seinen Mitgliedern für gut genug hält, sollte das Problem gelöst sein. So zumindest lautete die Theorie. Neues Deutschland indessen interpretierte es tags darauf anders: Der DSB-Geltungsbereich beschränke sich allein auf die Bundesrepublik. Allzu große Euphorie, vor der DSB-Ehrenpräsident Willi Daume warnte, scheint also wirklich nicht angebracht, vor allem auch deshalb nicht, weil die Münchner Absprachen nicht paraphiert worden sind.

Anfang Juli dieses Jahres, beim ersten Treffen in Halle, hatte DSB-Präsident Wilhelm Kregel seine Vorschläge gemacht. In München verlas nun sein Kollege, DTSB-Präsident Manfred Ewald, die Entgegnung. Nach einer Reihe teilweise polemischer Pflichtübungen (Verzicht auf Abwerbung, Diskriminierung, Einmischung, Alleinvertretungsanspruch und politischen Mißbrauch) kam Ewald zu dem Schluß, „seinen Sportverbänden die Aufnahme solcher Verbindungen zu den Sportverbänden der BRD zu empfehlen, wie sie zwischen den internationalen Sportorganisationen, gleichberechtigt anerkannten repräsentativen Verbänden verschiedener Staaten üblich sind“.

Ringer, Rodler, Ruderer, Leichtathleten, Schwimmer, Handball-, Volleyball- und Schachspieler wollen jetzt Termine vereinbaren. Der Berliner Fußballklub Tasmania sandte bereits Einladungen zu Freundschaftsspielen an den ASK Vorwärts und an Dynamo Berlin. Man wartet auf Antwort. Ulrich Kaiser