Von Wanda Bronska-Pampuch

Man hätte es voraussehen können: Die redaktionellen Veränderungen in der angesehenen, liberalen Moskauer Zeitschrift Nowyj Mir (Neue Welt), die Repressionen gegen eine Reihe von Autoren, ja selbst, die Attacken gegen den Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn konnten nicht verhindern, daß russische Schriftsteller weiterhin heiße Eisen anpacken und unbekümmert um alle "Parteilichkeit" schreiben würden. Der einmal vollzogene Durchbruch ließ sich nicht rückgängig machen.

Alexander Twardowskij, der im Januar dieses Jahres zum Rücktritt veranlaßte langjährige Chefredakteur des Nowyj Mir, liegt im Sterben – aber er hat die Ehrung Solschenizyns, den er als erster gedruckt und immer gefördert hat, noch erlebt. Sicher las er auch den Roman, der in den beiden letzten Nummern der ehemals von ihm redigierten Zeitschrift erschienen ist: "Iwanows Kutter" von Boris Wassiljew. Er muß ihm gefallen haben, er ist seiner Zeitschrift würdig.

Boris Wassiljew – ein bislang unbekannter Autor – setzt die volksnahe, realistische Schreibweise Solschenizyns fort, aber er hat eine neue Spezies Mensch zu seinen Helden gemacht. Keine Zwangsarbeiter oder ehemaligen Sträflinge, keine Intelligenzler oder Studenten und auch keine Kolchosbauern; sein Buch handelt von Wolgaschiffern, den modernen Nachfahren jener russischen Wolgaschlepper also; von denen das altbekannte Lied handelt, das man nach Mitternacht und zumeist nach reichlichem Alkoholgenuß anstimmt. Sie haben wenig mit den Leibeigenen von damals zu tun – allenfalls, daß sie offensichtlich auch gern melancholische und weniger melancholische Lieder singen. Das Leben, das auf den Kuttern geführt wird, die heute die Wolga befahren, erinnert eher an das der Schiffer, die in manchen Romanen Simenons vorkommen, auch ihre etwas schwerfällige Art, ihre enge Verbundenheit mit dem Schiff und ihre Rivalität mit den anderen Kapitänen weisen gewisse Ähnlichkeiten auf. Man kennt sich, hilft sich natürlich in der Not und hat doch tausend Dinge gegen den anderen.

Auf dem Kutter Iwanows geschieht kein Mord, kommt kein Meisterdetektiv vom Schlage Maigrets, um Hintergründe aufzudecken. Die Tragödie des Wolgaschiffers ist von anderer Art, obwohl es auch hier gegen Schluß eine Leiche gibt. Es ist ein Tod, der am Rande erfolgt. Kapitän Iwanow, das eigentliche Opfer, bleibt am Leben.

Dennoch hat alles mit der schweren Verletzung angefangen, der Iwanows Gehilfe, Nikiforow, schließlich erliegt. Er fiel über Bord, als der Kutter Nr. 17 ein schwieriges Manöver ausführte, um einer treibenden Ladung Bauholz den Durchgang zur Flußmitte zu versperren. Man fischte ihn zwar aus den Fluten, aber mit gebrochener Wirbelsäule. Die Heldentat – Kapitän und Kutter erhalten später Prämie und Auszeichnung dafür – ist ihn teuer zu stehen gekommen.

Der nicht mehr junge Iwanow, den eine Kriegsverletzung halb zum Krüppel gemacht hat, kann sich denn auch nicht darüber freuen, daß sein Kutter, der im Volksmund seit Jahren "Iwanows Kutter" heißt, nun statt der üblichen Nummer den klangvollen Namen "Wolga" an den Bug gepinselt bekommt. Das Schicksal Nikiforows und seiner Familie quält ihn. Was werden die Frau und die beiden Kinder seines Freundes nun beginnen? Wie sollen sie die Anleihe abzahlen, die der Schiffsmechaniker erst vor kurzem zum Bau seines Häuschens aufgenommen hat? Von der Rente Nikiforows etwa, der – wie der Arzt sagt – nie wieder auf die Beine kommen wird? Jedermann weiß, daß das unmöglich ist. Iwanow verstößt gegen das Gesetz: Er meldet die Frau seines verunglückten Gehilfen als Matrosen auf seinem Kutter an. Nur zum Schein – damit sie alle vierzehn Tage ihre fünfzig Rubel Lohn abholen kann. Zu arbeiten braucht sie nicht bei ihm. Das ginge ja auch gar nicht. Wer sollte sich um die Kinder und um den Mann kümmern, wenn er aus dem Krankenhaus kommt?