Von Ferdinand Ranft

Am 1. April 1971 sollte es eigentlich losgehen: ein bundesweites Autofahrerprogramm im Bereich der UKW-Frequenzen von 100 bis 104 MHz. Die in der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten (ARD) zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten hatten dafür einen fertig ausgearbeiteten Plan vorliegen. Das Programm sollte unter Einbeziehung der bereits jetzt gesendeten "Musik bis zum frühen Morgen" rund um die Uhr laufen. Verkehrshinweise sollten von 5 Uhr bis 23 Uhr gegeben werden. Zu jeder vollen Stunde waren Nachrichten, Wetterdienst, Straßenzustandsberichte, Verkehrsmeldungen, Not- und Reiserufe, Hochwassermeldungen, Lawinendienst und gegebenenfalls besondere Meldungen vom Bahn- und Flugverkehr vorgesehen.

Dabei wollten die ARD-Anstalten ihre föderale Struktur als zusätzlichen Vorteil ins Spiel bringen: Ein dezentralisierter Informationsweg brächte Nachrichten über Verkehrsereignisse wesentlich schneller vom Ort des Geschehens in die Redaktionen als ein zentralisiertes Netz mit einer Redaktion für die ganze Bundesrepublik.

Nach mancherlei Hick-Hack schien dem Start der Autofahrerwelle nichts mehr im Wege zu stehen. Die Ministerpräsidenten der Länder stimmten dem ARD-Plan zu. Sie beruhigten den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, der die Autofahrerwelle als einen Vorstoß der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ins lokale Rundfunkgeschäft mißverstanden hatte.

Der ADAC und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) unterstrichen die Bedeutung des geplanten Programms für die Sicherheit auf den bundesdeutschen Autostraßen. Jeder vierte Autofahrer, so teilte der DVR mit, besitze ein Autoradio. Verkehrsdurchsagen des Rundfunks hörten bereits jetzt 54 Prozent der Autoradiobesitzer während der Fahrt und 22 Prozent vor Antritt der Fahrt. Von den Kraftfahrern, die Autoradio hören, richten sich angeblich 91 Prozent nach den dort gegebenen Empfehlungen.

Auf der Düsseldorfer Funkausstellung am 20. August sollte Bundesverkehrsminister Leber, als verantwortlicher Ressortchef für die Zuteilung von Funkwellen, den Start der Autofahrerwelle für den 1. April 1971 ankündigen. Doch sein Staatssekretär Kurt Gscheidle, der den Minister vertrat, schoß plötzlich Sperrfeuer. Es gehe nicht an, so erklärte er, daß die ARD-Anstalten die Sender für das neue Programm in eigener Regie errichteten, das sei nach dem Karlsruher Fernsehurteil Sache der Bundespost.

In einigen ARD-Funkhäusern witterte man Verrat. Wollte die Post, indem sie den Landesrundfunkanstalten, die ihre Hörfunkprogramme und ihr erstes Fernsehprogramm über eigene Sender betreiben, die neuen Sender verwehrte, vielleicht dem Deutschlandfunk, der ebenfalls neue Frequenzen begehrte, die Autofahrerwelle zuschieben? Oder ging es nur ganz einfach ums Geschäft: Weiterer Ausbau der Postsender, die bisher das zweite und die dritten Fernsehprogramme ausstrahlen, um damit eine Möglichkeit zu schaffen, von den Rundfunkanstalten hohe Gebühren für die Benutzung der Sender für die Autofahrerwelle zu kassieren?