Daß es im Falle von Andy Warhol nur ein Alles oder Nichts gebe, daß man seinen Filmen und Kunstobjekten nur entweder eine ungeheure oder gar keine Bedeutung zumessen könne, stellte vor Jahren Lucy Lippard fest, die erste Chronistin der Pop Art. Die Entscheidung darüber, so sagte sie, läge allein beim Rezipienten, genau wie im Falle von Beckett oder Albee oder Robbe-Grillet. Der Autor der ersten Warhol-Biographie –

Rainer Crone: "Andy Warhol"; Verlag Gerd Hatje, Stuttgart; 320 S., Abb., 48,– DM

entscheidet sich bereits in der fünften Zeile seines Textes für das "Alles" ("der für die Geschichte der bildenden Kunst und des Films bedeutendste Künstler Nordamerikas"), was bestimmt verständlich und wahrscheinlich berechtigt ist.

Da für das Beste aber das Beste gerade gut genug ist, schwingt er sich vorsichtshalber auch gleich selber in Warhol-Höhen mit hinauf, läßt wissen, daß er der "affirmativen Kunstkritik", die "langweilig und unintelligent" ist, seine Analyse entgegensetzen wird, die die Einmaligkeit seiner (Warhols) künstlerischen Aussage" belegen soll. Nun ist "affirmativ" zwar ein wunderbar aktuelles Schlagwort, und unter Langeweile versteht wohl auch jeder irgend etwas. Ich für meinen Teil finde, zum Thema "Campbell"-Suppendosen, die Mitteilung, daß Irving Blum denselben 1962 "ausdrücklich einen Kunstcharakter bescheinigte", und die Eigenzugabe des Autors, daß die Bilder dieses Genres nicht "Erfüllungsgehilfen einer auf Manipulation abgerichteten Reklame" seien, nicht unbedingt Belege für eine völlig neue Kunstkritik.

Im Zusammenhang der Frage nach Warhols Verhältnis zum Konsumartikel (für die die "Campbell"-Dosen ja nur eins von vielen Beispielen sind) hätte mich zum Beispiel Warhols eigene Antwort auf die Frage Beispiel machen Sie eigentlich Suppendosen?" mindestens so sehr interessiert. Sie lautet übrigens (nachzulesen im vorzüglichen Band "Pop Art redefined" von John Russell und Suzi Gablik): "Weil ich diese Suppen dauernd getrunken habe. Ich habe, schätze ich, zwanzig Jahre lang tagaus tagein dasselbe zu Mittag gegessen. Irgend jemand hat einmal gesagt, daß mein Leben mich untergekriegt hat..."

In der Tat: Warhol, der heute für seine Bilder, die er, eigenen Bulletins zufolge, inzwischen sowohl anfertigen wie auch signieren läßt, jeden Preis kriegen kann, hat sich vom Leben unterkriegen lassen und daraus eine Kunst! gemacht. Ein Prozeß, der in seiner ganzen Kompliziertheit eine analysierende Darstellung wert gewesen wäre. Der Text dieser Warhol-Monographie jedoch ist ein Akt frei nach Warhol: Der Autor hat sich von seinem Gegenstand unterkriegen lassen, das Ergebnis ist ein mit fleißigen Daten bestückter Hommage.

Natürlich kann man die schönen Bilder des vollständig bebilderten Œuvre-Katalogs genießen. Im übrigen aber bleibt die Frage, was denn eigentlich die Steigerung von affirmativ und langweilig ist.