Die Konjunkturabschwächung wird erkennbar – aber dennoch kann Karl Klasen es nicht wagen, die Restriktionspolitik aufzugeben

Selten waren sich die Propheten so einig. Die nächste Diskontsenkung, so sagen nahezu alle Experten voraus, ist keine Frage von Monaten, sondern nur von Wochen. Immer öfter hört man sogar die Vermutung, die Bundesbank werde den Diskontsatz noch vor Jahresende von nunmehr 6,5 auf 6 Prozent ermäßigen.

Anders freilich als noch im Sommer vermag die Aussicht auf eine weitere Lockerung der Diskontbremse in der Wirtschaft kaum Optimismus zu wecken. In den letzten Monaten hatte man auf das "Signal aus Frankfurt" gewartet, auf die Verbilligung des Kredits. Als aber in der vergangenen Woche die Reduzierung des Diskonts beschlossen wurde, blieb die Wirkung gering: Die Kurse der festverzinslichen Wertpapiere veränderten sich kaum, die Aktienkurse fielen weiter.

Heute geht man davon aus, daß auch die nächste Diskontsenkung kaum durchschlagen wird. Zwar werden sich die Unternehmer darüber freuen, wenn sich ihre Kreditkosten etwas ermäßigen, aber die Wende am Kapitalmarkt erwartet man noch nicht. Es wäre schon erstaunlich, wenn der Zinssatz für Rentenwerte von gegenwärtig 8,5 Anfang nächsten Jahres wieder auf 8 Prozent, zurückgehen würde.

Der Bundesbank kann es allerdings nur lieb sein, daß ihre Maßnahmen praktisch "wirkungslos verpuffen". Mitglieder des Zentral- – bankrates haben keinen Zweifel daran gelassen, daß sie es noch für zu früh halten, den Fuß von der Bremse zu nehmen. Die Diskontsenkung soll nach dem Willen der Bundesbank nur dazu dienen, sich dem internationalen Zinstrend anzupassen und damit den Zufluß von Auslandsgeld zu vermindern.

Noch also bleiben Karl Klasen und der Zentralbankrat auf Restriktionskurs. Das mag überraschen, wenn man an die Entwicklung der Konjunktur denkt. Die Zeichen für eine Abschwächung werden immer deutlicher sichtbar. Die Nachrichten über Kurzarbeit in diesem oder jenem Werk machen Schlagzeilen. Aussagekräftiger als solche Einzelfälle ist jedoch die allgemeine Tendenz:

  • im September ist zum ersten Male seit langem der Auftragseingang bei der Industrie geringer gewesen als im gleichen Monat des Vorjahres;
  • die Industrie produziert gegenwärtig mehr, als sie an neuen Aufträgen erhält;
  • im Maschinenbau – also der Branche, in – der sich die Entwicklung der Investitionsneigung am deutlichsten abzeichnet – hat sich nach einer Untersuchung der Commerzbank bereits im dritten Quartal 1970 der stärkste Nachfragerückgang seit dem Herbst 1961 ergeben.

Sicher beobachtet man auch in Frankfurt diese Entwicklung aufmerksam. Dennoch ist es nur konsequent, wenn Karl Klasen und der Zentralbankrat ihren harten Kurs weiter durchhalten. Noch stehen schwierige Lohnverhandlungen im öffentlichen Dienst bevor (siehe auch Heinz Michaels auf Seite 40), noch haben die Gewerkschaften Schillers "Orientierungsdaten" für die Lohnpolitik im Jahr 1971 nicht akzeptiert. Mit anderen Worten: Noch ist es für einen Kurswechsel der Bundesbank zu früh. Diether Stolze