Erotische Literatur gibt sich gern belehrend, oft führt sie im Titel Wörter wie "Dialog" oder "Schule", oder aber sie bezieht, in Gestalt einer Generalbeichte, ihren pädagogischen Impetus aus der vermeintlichen Authentizität durchliebten Lebens. So auch das Buch

"Aus den Memoiren einer Sängerin"; Verlag Rogner & Bernhard, München; 316 S., 22,– DM

das einem hartnäckigen Gerücht zufolge von der Sängerin Wilhelmine Schroeder-Devrient (1803–1860) stammen soll, dem vielgefeierten Bühnenstar des Biedermeier. Diese "Memoiren" sind an den Arzt der Verfasserin adressiert, und da man wußte, daß Wilhelmine Schroeder-Devrient mit Carl Gustav Carus befreundet war und ihre Memoiren schreiben wollte (was sie nicht tat), genügten manchem diese dürftigen Indizien.

Den wirklichen Verfasser hat man nie entdeckt. Der "Memoiren" erster Teil erschien 1861 in Altona, der zweite (Seiten 153 bis 303) im gleichen Verlag zwischen 1869 und 1884. Stilistische Verschiedenheiten machen eher zwei Autoren plausibel, und daß beide nicht weiblichen Geschlechts waren, darf für sicher gelten. Solcherart: Erotica wurden ja stets von Männern für Männer geschrieben, phantastische Ausmalungen männlicher. Sexualwünsche, denen die Realität die Erfüllung versagte.

Dennoch gehören diese "Memoiren" nicht zu jener Galanteriewäre, wie sie gerade das öffentlich prüde neunzehnte Jahrhundert zu Tausenden produzierte. Stellenweise offenbart sich hier nämlich eine für dieses Genre ganz ungewöhnliche Sensibilität.

So beweist eine der berühmtesten Szenen dieses berüchtigten Buches (jene, in der die Erzählerin als Vierzehnjährige ihre Eltern beim Liebesspiel beobachtet) ebensoviel Delikatheit wie Takt, und nicht minder beachtlich sind diese achtzehn Seiten als ein Stück Pubertätspsychologie in einer Zeit, die diese Lebensphase verschämt zu übersehen pflegte: "Die beiden Wesen, für welche ich bis jetzt die meiste Ehrfurcht und Liebe gefühlt, hatten mich über Dinge aufgeklärt, über welche sich junge Mädchen so wunderbar verkehrte Gedanken machen; hatten allen Schein und Vorstellung beiseite geworfen, durch welche sie mir bisher als ganz rein, leidenschaftslos und Ehrfurcht gebietend erschienen waren; hatten mir gezeigt, daß die Welt unter der äußeren Form der Sitte und des Anstandes den Genuß und die Wollust verbirgt."

Dieses Zitat ist charakteristisch. Anders als in dieser Literatursparte sonst wird hier reflektiert und psychologisiert, erscheint Sexualität nicht einfach als eine Betätigung der Physis, sondern auch als ein Engagement des Geistes; eine Erkenntnis, die wir zwar belächeln mögen – aber sie ist diesem Genre sonst durchaus fremd. Was denn auch der Verfasser des zweiten Teils der "Memoiren" hinreichend beweist, so sehr er auch bemüht ist, der einmal angeschlagenen Tonart gerecht zu bleiben.

Neben den gleichfalls anonymen Romanen "Schwester Monica" (1815) und "Josephine Mutzenbacher" (1906) sind diese "Memoiren" (in einzelnen Abschnitten den beiden überlegen) das einzig bedeutende Stück erotischer, deutscher Literatur. Seit seinem Erscheinen wurde das Buch immer wieder gedruckt und dabei meist verunstaltet, reduziert auf "Stellen". Die vorliegende Ausgabe ist die erste unveränderte Fassung seit Erscheinen des Originals, übrigens zu einem Preis, der die obskuren Konkurrenz-Editionen weit unterbietet. Eckart Kleßmann