Von Joachim Nawrocki

Berlin

Die Polizei hatte ihn unterschätzt. Ekkehard Weil, der fanatisierte, wohl auch psychopathische dumme Junge, der sein Zimmer mit rechtsradikalen Symbolen und Idolen verzierte, der mit Frauen nichts zu tun haben wollte, um sich für sein Volk zu bewahren, der als vermutlicher Einzelgänger den Sowjetsoldaten Stscherbak anschoß, sich dann fangen und widerstandslos festnehmen ließ – er erwies sich als gerissener Lügner, der erfolgreich die erste Fluchtchance nutzte, die sich ihm bot. Tagelang hatte er im Landwehrkanal Taucher der Polizei und ein Bergungsschiff nach seinem Kleinkalibergewehr suchen lassen, das er angeblich dort versenkt hatte. Schließlich wurde er selbst an den Ort des Geschehens transportiert, aber da war er gefesselt und streng bewacht. Erst als er zum fünften oder sechsten Mal ins Polizeipräsidium zur Vernehmung gebracht wurde, erwiesen sich die grüne Minna und der vergitterte Hof, aus dem es kein Entkommen gebe, als Krimi-Klischee, das mit der Wirklichkeit wenig gemein hat.

Denn die Berliner hatten auch ihre Polizei unterschätzt, die es auf einen Wettlauf zwischen einem Zwanzigjährigen und einem Sechzigjährigen ankommen ließ, dessen Ausgang unvermeidlich war: Als Obermeister Bartholomäus Weber, 59, noch die Treppen zum U-Bahnhof Flughafen herunterkeuchte, war Ekkehard Weil, 21, schon behende im Tunnel verschwunden. Aber daß es soweit kommen konnte, war keineswegs unvermeidlich.

Die Flucht des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader war noch überraschend, obwohl auch er nicht gerade von alerten Al Mundys bewacht worden war; denn soviel Brutalität hatte niemand dem verbohrten Linksextremisten zugetraut. Der Familienausflug des gewalttätigen Sträflings Ekkehard Lehmann war zwar schon recht peinlich für die Berliner Justizbehörden, aber doch auch komisch. Die Flucht des Ekkehard Weil aber ist nicht nur überraschend und blamabel, und schon gar nicht komisch – sie ist ein Politikum. Offenbart sie die Lethargie eines ganzen Behördenapparates, in dem Parteibuch und Wahltaktik, Beziehungen und Bezüge überbewertet, Qualifikation und selbständiges Denken aber unterbewertet werden?

Die Berliner Zeitungen sind sich darüber ziemlich einig, daß der Fall Weil nicht das Problem eines einzelnen Verantwortlichen ist, sondern den desolaten Zustand der Stadtverwaltung zeigt. Der Tagesspiegel fragte: "In welchem Zustand muß sich die sogenannte Überführungsstelle, die Dienstaufsicht in der Polizei bis hin zum Senator überhaupt befinden, wenn in einem Fall von solch ungemeinem Aufmerksamkeitswert eine derartige Fehler-Kettenreaktion unterbrechungslos zum weltweit vernehmbaren Skandal führt?"

Sicherlich ist die Berliner Polizei in den letzten Jahren Belastungen ausgesetzt gewesen, die ihr neu und ungewohnt waren; sie war ihnen oft nicht gewachsen. Die kleinen Beamten, die sich bei Demonstrationen und anderen Gelegenheiten vergriffen, die danebengegriffen oder zu hart zugegriffen haben, konnten sich häufig auf Befehle, Anordnungen und Vorschriften berufen. Oft wurde ihnen auch der Prozeß gemacht, und nicht immer endete er mit Freispruch. Das mag in manchen Beamten das Gefühl geweckt haben, daß den letzten die Hunde beißen und daß es am besten sei, man hält sich an die Bestimmungen und an nichts sonst. Und davon gibt es in der Berliner Polizei etwa 20 000: Rund 5500 Vorschriften für die Kriminalpolizei und Schutzpolizei, dazu noch eine Unzahl von Dienstanweisungen und Arbeitsanweisungen, die Polizeipräsident Hübner seit einiger Zeit durchforsten läßt.