Als Weil dann dreißig Stunden nach seiner Flucht entdeckt wurde, trug er eine blaue Strickjacke, die ihm angeblich ein Unbekannter geschenkt hat, als er mit der S-Bahn in den Norden Berlins fuhr. Doch ist dies wohl eines der vielen Märchen von Weil. Vieles spricht aber auch gegen die Vermutungen, daß der Ausreißer für kurze Zeit Unterschlupf bei einem Bekannten fand. Denn nach seiner Festnahme war Weil so müde und erschöpft, daß er nur kurz vernommen werden konnte. Auch war er "hochgradig unrasiert", wie Oberwachtmeister Ulrich Lewwe, der ihn fand, ausgesagt hat.

Dieser junge Polizist hat ein paar Scharten ausgewetzt, die sich die Berliner Polizei zugezogen hat. Er war aufmerksam und umsichtig. Als er auf der Heimfahrt einen Mann sah, auf den die Beschreibung des Gesuchten zutraf, fuhr er langsam an ihn heran, um zu sehen, wie dieser, reagiert. Durch seine Flucht verriet sich Weil. Dreihundert Meter weiter stellte ihn Lewwe mit vorgehaltener Pistole, ging aber weder zu nahe an ihn heran, noch ließ er sich von Weil in ein Gespräch ziehen und damit ablenken. Anwohner der Hofjägerallee in Frohnau alarmierten auf Lewwes Bitte die Funkstreife.

Eine Stunde später, als die Identität des Gefaßten feststand, konnten Polizeiführung und Senat aufatmen. Nur Polizeipräsident Hübner war noch für kurze Zeit ungewiß über den weiteren Gang der Dinge. Er tat, was die Berliner Zeitungen längst gefordert hatten, und bat um seine Entlassung. Aber Innensenator Neubauer nahm den Rücktritt nicht an. Zu lange hatte er vor zwei Jahren nach einem geeigneten Kandidaten für diesen undankbaren Posten suchen müssen.

Sowenig konkrete Anhaltspunkte es dafür gibt, daß Weil Hintermänner oder Helfer hatte, sowenig ist es auch wahrscheinlich, daß dieser oder jener Polizeibeamte ihm mutwillig zur Flucht verhalf. Nur die SED-Zeitung Neues Deutschland weiß es besser: "Offenbar soll vermieden werden, daß bei weiteren Untersuchungen oder gar bei einem Prozeß doch unversehens auf die Hintermänner Licht fallen könnte ... der jüngste Vorfall zeigt doch, in welchem Maße die Neonazis in West-Berlin Aktionsraum besitzen." Die West-Berliner Polizei werde von ehemaligen SS-Leuten beherrscht, schreibt das Blatt, und nennt als Ausbilder der Polizei "Polizeihauptkommissar Franz Birr (ehemals SS-Hauptsturmführer)" und "Walter Boosfeld (ehemals SS-Sturmführer)". Aber wie das häufig so ist mit Informationen aus Ost-Berlin: Birr ist längst pensioniert, Boosfeld wurde vor acht Jahren vom Dienst suspendiert; Anfang 1965 bestätigte ein Gericht seine Entlassung und die Aberkennung der Pension. Im übrigen, sagt Hübner, wird vor jeder Beförderung die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg befragt, damit nicht die falschen Leute in führende Positionen kommen.

Anklage: Mordversuch

Inzwischen hat die britische Besatzungsmacht das Verfahren an sich gezogen; Berliner Behörden sind nur noch in ihrem Auftrag tätig. Am Dienstag ordnete Einzelrichter Stephen Henry vom Unteren Zivilgericht der britischen Militärregierung die Verlängerung der Haft für Weil um weitere fünfzehn Tage an. In einem Saal des Moabiter Kriminalgerichtes, vor einer britischen Fahne, verlas der uniformierte britische Ankläger die Anklage: Weil wird nach dem deutschen Strafgesetzbuch Mordversuch sowie vorsätzliche und gefährliche Körperverletzung, nach den Bestimmungen des Alliierten Kontrollrats und der britischen Militärregierung unbefugtes Tragen von Waffen und Munition, unbefugter Besitz von Waffen und Einfuhr von Kriegsmaterial vorgeworfen.

So peinlich der Fall Weil für die Stadt und deren Verwaltung ist – auszubaden haben ihn auch die Westalliierten. Schon nach dem Attentat auf den sowjetischen Soldaten mußten sie sich in den Berlin-Gesprächen der Vier Mächte längere Ausführungen des Sowjetbotschafters Abrassimow über faschistische Umtriebe in West-Berlin anhören. Am Montag dieser Woche hatte er ein neues Thema: Weils Flucht. Die politischen Folgen dieses Skandals sind noch nicht abzusehen.