Von Richard Schmid

Das Thema "Neue Linke" ist in den Vereinigten Staaten deshalb besonders komplizier:, weil nur die weiße Linke im herkömmlichen Sinne links ist, sozialistisch, antimilitaristisch, antirassistisch – während die radikale Negerbewegung einige andere, geradezu gegensätzliche Elemente enthält, die nicht unter den Vorzeichen "links" zu laufen pflegen, wozu ich vor. allem rassistisch-nationalistische Tendenzen und den Kult der Gewalt rechne.

Diese Tendenzen sind gerade aus der Enttäuschung darüber entstanden, daß die linken weißen Kräfte es nicht vermocht haben, die gesellschaftliche und ökonomische Gleichberechtigung und Integration der Neger auch für die Negermassen vorwärts zu bringen, insbesondere die Entstehung und den skandalösen Zustand der Gettos in den Großstädten zu verhindern.

Das Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander der beiden Neuen linken, ihre Entstehung, ihr Verhältnis zur alten Linken und die verschiedenen Formen der Konfrontation mit der heute stark reaktionären Polizei und Justiz behandelt das Taschenbuch von

George Günther Eckstein: "USA: Die neue Linke am Ende?"; Carl Hanser Verlag, Reihe Hanser Nr. 51, Frankfurt/M. 1970; 111 S., 7,80 DM,

das mehr an Information und wohlformulierten Urteilen enthält, als sein Umfang vermuten ließen Eckstein, der aus der deutschen sozialistischen Linken kommt, hat die Sympathie und gleichzeitig die Distanz, die zusammen den guten Porträtisten machen. Er schreibt aus mehr als dreißigjähriger intimer Beobachtung der amenikanischen Szene. Das Buch ist aber trotzdem auf das Verständnis und die Begriffswelt des deutschen Lesers geeicht.

Beiden Neuen Linken, der schwarzen und der weißen, ist gemeinsam, daß sie durch krasse Mittel, durch Provokation bis zur Grenze der Gewalt und oft, wenn auch teilweise nur symbolisch über diese Grenze hinaus, auf die Öffentlichkeit und den Staatsapparat zu wirken, suchen, weil sich andere legale und herkömmliche Mittel als wirkungslos erweisen. Aber "eben dadurch entfesseln sie eine semifaschistische Gegenbewegung und machen so ihre Behauptung von der Existenz des Polizeistaats zu einer sich selbst, erfüllenden Prophezeiung". Anderseits werden die repressiven Akte der Polizei und der Justiz auch deshalb provoziert, um Sympathie und Solidarität zu wecken. – Die radikale Negerbewegung, die ein primitiveres Verhältnis zur Gewalt hat, erwuchs daraus, daß weder die Rechtsprechung noch die Gesetzgebung gesellschaftliche und ökonomische Fortschritte für die Neger im allgemeinen zustande brachten. Kann überhaupt ein Schwarzer nach dem, was seiner Rasse in Amerika widerfahren ist, zuletzt der Mord an Martin Luther King, an ein anderes Mittel glauben als an die Gewalt? Er hat sich den Mythos der Schußwaffe, das amerikanische Symbol der Männlichkeit, nun auch als Mittel zum Erwerb politischer Macht und zur Hebung seines Selbstbewußtseins zu eigen gemacht.