München

Leopold Waraschitz, der Mann mit der offenen Hand, die er nur dann gern schloß, wenn er das prickelnde Gefühl eines Hundertmarkscheins oder einer Dollarnote darin spürte, „Mister Please“, wie er beim amerikanischen Teil seiner Kundschaft genannt wurde, und der nach Meinung einiger Außenstehender manchmal als billiger Bettler hingestellt wurde und deshalb auch „Schnorrerkönig“ genannt wurde, ist tot.

Er starb in einer Münchner Privatklinik an einem Gehirnschlag im Anschluß an eine schwere Nierenoperation. Siebzig Jahre wurde der Poldi alt. Und kurz bevor er seine Trinkgeldwelt verließ, träumte er noch einmal davon, seinen Erholungsurlaub diesmal auf den Bahamas zu verbringen, natürlich wie immer freigehalten und eingeladen von seinen Freunden, den Millionären.

Daß der Leopold aber nicht nur einer vom „Stamme nimm“ war, sondern ein echtes goldenes Wiener Herz unter seinen geschenkten Maßanzügen trug, bewies er oft genug, wenn er selber mit dem Hute in der Hand im Kreise der High Society eine Runde drehte und für ein Kinderdorf, für kränkliche Leute oder einen anderen wohltätigen Zweck sammelte. Der Poldi gehörte zu den oberen Zehntausend und zu den Mittelprächtigen dieser Welt wie ein Hofnarr zu einem Hofstaat. Nun ging er hin und kommt nicht wieder. Getreu nach seiner fürstlichen Schnorrerdevise: „Ich kann kommen und gehen wann ich will.“

Auf die Welt kam der Leopold Waraschitz als 13. Kind eines kleinen Bauern in der Nähe bei Wien. Schon früh hat der kleine pfiffige „Kegel“ die innerliche Einsamkeit der Besitzenden erkannt und mit kleinen Späßen und Witzen, von denen er bis zum Ende seines Erdenwandels über Hunderttausende gesammelt hatte, den Übersättigten und Abgeschafften ein kleines seelisches Fußbad bereitet. Schon nach seiner Jugendphilosophie ging es nämlich den Menschen mit viel Geld so ähnlich wie den Kühen. Denn wenn diesen die Milch ins Euter schießt, warten sie auch alle dringend darauf, daß sie möglichst bald gemolken werden. Und drum brüllen sie so laut und lange, bis ein Schweizer zum Abmelken kommt. Und so ein Schweizer wollte auch der Poldi werden. Darum nahm er sich vor, den Übersatten ihre Wohltätigkeit kräftig abzumelken. Dabei hat sich der Poldi genaugenommen sein Leben lang kein Geld erbettelt, er hat es nur genommen.