ARD, Montag, 30. November: „Identifications“

G erry Schum, früher Berlin, jetzt Hannover, unter der Nummer 2 22 26 60 im Auto zu erreichen, gründete vor knapp zwei Jahren, was er eine Video-Galerie nannte, und konnte im April letzten Jahres mit einem vom Fernsehen ausgestrahlten Land-Art-Film seine erste Vernissage feiern (wobei sich eine Video- oder Fernseh-Galerie von einer anderen Galerie dadurch unterscheidet, daß die Vernissage Anfang und Ende der Ausstellung zugleich ist). Jetzt folgte die zweite, „Identifications“ betitelte Ausstellung, 45 Minuten Lebensdauer hatte sie, 19 „Objekte“ wurden vorgeführt, Mini-Filmchen von durchschnittlich zwei Minuten, auf denen zum Beispiel folgendes zu sehen war: Joseph Beuys, vor einem Fernsehgerät sitzend, bearbeitet seinen Kopf mit Boxhandschuhen, tastet dann den filzverklebten Fernseher mit einer Blutwurst ab, zerschnippelt dieselbe, rollt den Fernseher in die Ecke; Rainer Ruthenbeck ballt mit bösem Griff schwarzes Kohlepapier, haufenweise; Ger van Elk rasiert einem Kaktus sorgfältig die Stacheln ab; Klaus Rinke kippt eine Blechtonne mit Wasser um; und so weiter.

Geboten wurde hier, wie Schum in seiner Einleitung versprochen hatte, „die pure Geste“, aber ist diese pure Geste auch, wie Schum meinte, identisch mit der „Substanz des Objekts“? Die Einheit zwischen Kunstobjekt und Künstler im Kunstprozeß sollte in den Identifikationen demonstriert werden, aber in mindestens der Hälfte der Beiträge wurde dieses Ziel verplempert zugunsten irgendeines belanglosen Witzleins, ein weiterer Teil der fernzusehenden Kunst-Objekte blieb in der puren Pose hängen, erstarrte in bedeutungsschwangerer Zeremonie, und nur einem Video-Objekt gelang es, dem Betrachter klarzumachen, was das sein kann, die Einheit von Idee, Visualisierung und dem Künstler als Demonstranten: Gilberts und Georges „The Nature of our Looking die Bildhauer als Bildhauer ihrer selbst an der Böschung eines Sees sitzend, leicht verzerrte Bewegungen des Wassers und der Baumzweige inklusive.

Gerry Schums Idee der Video-Skulptur (man kann diese Filmbänder auch anschaffen, die Beuys-Kassette zum Beispiel zum Preis von 9600 Mark, und einen heimischen Recorder damit füttern) ist gut und im Kassetten-Zeitalter mehr als einleuchtend. Aber wer, am gleichen Fernsehabend, vorher die ausgezeichnete „Titel, Thesen, Temperamente“-Sendung über den wohlflorierenden Warenhaus-Kunst-Kitsch gesehen hatte und außerdem vielleicht auch noch die ebenso raffiniert wie frech alle Fernseh-Trümpfe ausspielende Emanzipations-Show „Männer, wir kommen“, dem wurde nur allzu deutlich, wie wenig die Fernseh-Kunst noch ihr Medium einerseits und ihr Publikum andererseits kennt. Petra Kipphoff