Von Wolfram Schütte

Joseph Loseys „Im Visier des Falken“ (Figures in a Landscape) gehört zu den wenigen interessanten Filmen, die heute noch in unsere Kinos kommen. Dort trifft er aber kein Publikum mehr an, das ihn sehen möchte: nicht jedoch, weil Loseys einundzwanzigster langer Spielfilm zu hohe Ansprüche stellt, sondern weil das Kino bei uns schon längst die Zuschauer vertrieben hat, die an einen Film höhere Ansprüche stellten als ihre eigenen und der Industrie niedrigste.

Sicher kann man fairerweise die geringe Resonanz, die dieser Film bei uns finden wird, nicht allein der desolaten Kinosituation in unserem Lande zuschreiben. Sie hat auch etwas mit der Eigenart von „Im Visier des Falken“ zu tun. Obgleich er klar, einfach und intellektuell anspruchslos gemacht ist, so steht er doch quer zu einem Filmsystem, das sich auf seine klaren, einfachen und anspruchslosen Unterhaltungsprodukte etwas zugute hält. Was Loseys Film von allen Filmen unterscheidet, die in ihn hineinwirken und von denen er sich herschreibt, ist sein Anspruch, deren äußerste Essenz zu sein: die Wurzel aus Action. Nichts anderes ist genau genommen Kino: Bewegung in Bildern und als Bilder; und wenn es einen Titel gibt, der sich mit der Radikalität des Ansatzes und der Ausführung von Loseys Film auf gleicher Höhe hält, so wäre das ganz einfach: Film. Nichts als purer Film.

Zwei Gefangene, der vierzigjährige Mac (Robert Shaw) und der zwanzigjährige Ansell (Malcolm McDowell), sind entflohen. Ihr Ziel ist die Freiheit, zu der sie unterwegs sind. Sie liegt jenseits schneebedeckter Berge am fernen Horizont. Sie werden verfolgt von einem Hubschrauber, der sie vor sich hertreibt und die Verfolger (Soldaten) auf ihre Spur setzt. Auf ihrer mäandernden Fluchtschneise, die sie mordend und gehetzt durch Landschaft, Dörfer und Menschen brutal sich schlagen wie durch einen verwachsenen Dschungel, kommen sich die gegensätzlichen Männer freundschaftlich näher. Beide erreichen am Ende ihres Weges, der sie als Menschen bis über die Grenze der Entwürdigung führt, die Zuflucht auf dem Gipfel eines Berges in einem anderen Land. Jedoch der ältere geht zurück und stellt sich dem Zweikampf mit dem Hubschrauber, in dem er unterliegt.

Losey und sein Drehbuchautor Robert Shaw haben Barry Englands Romanvorlage „Figures in a Landscape skelettiert. Ich kenne Englands Roman nicht, hörte aber, daß dort die Verfolger „kleine gelbe Männer“ sind und das Ganze wohl in (Südost-?) Asien spielt. Man könnte sich denken, was daraus für ein Film hätte werden können – etwa im Stil John Waynes und seiner „Green Berets“ – aber Losey wäre nicht sein Regisseur gewesen.

Politische, soziale, historische und psychologische Hintergründe haben Losey und Shaw in ihrem Film ganz ausgespart: Nowheremen in nowhereland. Der Stoff ist nämlich nicht eine Geschichte, sondern eine dramaturgische Struktur: das Modell aller Verfolgten-Verfolger-Romane, -Erzählungen und -Filme. Dieser Rekurs auf das Grundmuster, das vielen Western-, Gangster-, Polizei-, Abenteuer- und Science-fiction-Filmen eigen ist, war nur zu gewinnen durch eine rigorose Verengung aller beiläufigen, ausmalend-beschreibenden Momente epischen Verweilens und Erzählens.

Loseys Verfahren erinnert dabei nicht von ungefähr an den nouveau roman mit dem Loseys „Im Visier des Falken“ aber auch die zweifelhafte Ambiguität einer herausfordernden Sinnlosigkeit, die auf Sinngebung durch den Leser/Zuschauer spekuliert, unvorteilhaft teilt.