DIE ZEIT

Trotzdem: innere Reformen

Klischees sind oft stärker als die Wirklichkeit. So ist seit einem Jahr in der Bundesrepublik ungeprüft und unbewiesen die Behauptung im Schwange, daß die sozialliberale Regierungskoalition zwar in der Außenpolitik höchst aktiv sei (zu eifrig, fügen viele hinzu), sich aber auf dem Feld der inneren Reformen nur mühsam von der Stelle bewege – teils aus Geldmangel, teils wegen fehlender Einigkeit unter den Koalitionspartnern.

Die Union sagt Nein

Am Tage der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags wurde deutlich, was die Entschließung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zur Polenpolitik wert ist.

Schlußpunkt unter die Vergangenheit

Wir alle müssen uns erst daran gewöhnen, daß nun ein neues Kapitel beginnt", sagte Wladyslaw Gomulka und blickte nachdenklich auf die barocke Pracht des polnischen Königsschlosses von Wilanow.

ZEITSPIEGEL

"Dieser widerrechtliche ‚Blitzbesuch‘ der am höchsten gestellten Persönlichkeit der BRD in Westberlin zeugt davon, daß gewisse Leute in Bonn sich nicht von der fixen Idee des Anspruchs auf fremdes Territorium trennen können.

"Hier bin ich - und hier bleibe ich"

Jozef Jaruszewski ist 55 Jahre alt. Aus seinem breitflächigen Gesicht scheint das Lächeln nie zu weichen. Weder weiß er, noch kümmert es ihn, daß das anderthalbstöckige Backsteingebäude, das er und seine Familie in Jankowo mit dem Witwer Jan Radiusz teilten, einmal einem gewissen Erhard Kluth gehörte, der heute in Westdeutschland lebt.

Harte Welle

Aus Athen kommen widersprüchliche Signale. Auf der einen Seite werden regime-feindliche Straßen-Demonstrationen von Jugendlichen gemeldet, hat eine Sprengbombe das Truman-Denkmal beschädigt, erklärt das Oberste Verwaltungsgericht eine Deportationsanweisung für rechtsungültig.

Wohin gehört Stettin?

Hat Bundeskanzler Brandt am Montag mit seiner Unterschrift unter den Warschauer Vertrag "einen eklatanten Bruch des Potsdamer Abkommens" gutgeheißen? Unwidersprochen hat der ZDF-Moderator Löwenthal der Bundesregierung schon zweimal vorgeworfen, sie habe in Artikel 1 des Vertrages eine widersprüchliche Formulierung durchgehen lassen.

Zur Entspannung gehören zwei

Eine Woche, zwei internationale Treffen: Brüssel und Ostberlin, Nato und Warschauer Pakt. Seit langem hat nichts mehr die Lage der beiden deutschen Staaten so eindringlich erhellt wie die überlappenden Konferenzen der beides.

Berlin – auf die lange Bank?

Die Bundesregierung und der Berliner Senat müssen sich nach dem kommunistischen Gipfeltreffen in Ost-Berlin auf längere Fristen bei den Berlin-Verhandlungen einstellen.

Kapitulation vor Contergan?

Am 281. Sitzungstag des Contergan-Verfahrens machte Verteidiger Dörr in einem längeren Plädoyer die Anregung, den Prozeß, der sich jetzt über zweieinhalb Jahre hinzieht, einzustellen.

Kein Start für SST

Auch im fortschrittsgläubigsten Land der Welt ist der Fortschritt nicht länger die unbestrittene Leitschnur. Das beweist die Entscheidung, die der Senat in Washington vergangene Woche fällte: Mit 52 gegen 41 Stimmen lehnte er die Freigabe von weiteren Mitteln für die Entwicklung des amerikanischen Überschall-Verkehrsflugzeuges SST (Supersonic Transport) ab.

Wider die Gewerkschaften

Am Montag und Dienstag nächster Woche wollen die Konservativen Geschichte machen. Das Unterhaus wird in zweiter Lesung das Gesetz zur Reform über die Beziehungen der Tarifpartner beraten.

Abfuhr für Nixon

Debra Ann Sweet ist eine scheue, ernsthafte und nachdenkliche Studentin aus Wisconsin. Wie viele Amerikaner der jungen Generation widmet sie sich der Bewältigung sozialer Plagen – Hunger, Armut, Rassenhaß – mit großer Hingabe und geringem Gewinn.

Zu Parias gestempelt

Während der Jahre 1968/69 war ich Rektor der Parteihochschule. In dieser Zeit mußte niemand die Schule wegen seiner politischen Ansichten verlassen.

Das Los der Prager Intellektuellen

In den Briefen, die wir auf dieser Seite in Auszügen veröffentlichen, wenden sich vier tschechoslowakische Intellektuelle gegen die ihnen widerfahrene unmenschliche Behandlungdurch einen Staat, der sich kommunistisch nennt und vorgibt, den Menschen in den Mittelpunkt seiner politischen Zielsetzungen zu stellen.

Überall abgewiesen

Bei uns gibt es eine große Zahl von wissenschaftlichen Arbeitern, hochqualifiziert auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften, die entlassen worden sind.

Im Stil der fünfziger Jahre

Zwei Jahre lang habe ich darauf gedrängt, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Dazu war ich bereit, sehr vieles zu opfern: Als Pensionär in stiller Zurückgezogenheit zu leben, umgeben nur von meiner engsten Familie – wenn nötig – sogar unter ständiger Überwachung.

Aus dem Institut vertrieben

Hinter der vagen Behauptung, daß nur eine "gewisse Anzahl" von Wissenschaftlern und Intellektuellen aus ihren beruflichen Positionen vertrieben worden sei, verbirgt sich das wenig beneidenswerte Schicksal von mehr als 500 Universitätsprofessoren und Hochschullehrern.

Zaghaft in Richtung Reform

Portugal scheint in der Reihe zaghafter Reformvorhaben einen weiteren Schritt zu wagen. Ministerpräsident Marcelo Caetano kündigte vor dem Parlament in zwei wichtigen Punkten eine Änderung der Verfassung von 1933 an.

Todeskommandos im Morgengrauen

Schlechte Beispiele verderben die Sitten: Die Invasion einer Emigrantenarmee in Guatemala 1954, die Landung in der Schweinebucht 1961, das israelische Kommandounternehmen gegen den Flughafen Beirut 1968 – all diese Operationen mögen als Modell gedient haben, als im Morgengrauen des 22.

Wolfgang Ebert:: Irgendwas zu tauschen?

"Angefangen habe ich ganz klein mit dem Üblichen: Briefmarken, Münzen, Haushaltsgeräte. Dann erweiterte ich meinen Betrieb und stieg in den internationalen Tauschhandel ein.

"Ich bin für die alte Liebe"

Hier soll kein Loblied gesungen werden auf die "Alte Liebe", das Wahrzeichen von Cuxhaven, auf das Hein Seemann wehmütig seinen Blick wirft, wenn er auf der Elbe vorbeifährt.

Griechenland: Neue Verhaftungen

Das Athener Regime hat einen neuen Schlag gegen die Opposition geführt. Ohne Angabe von Gründen verhaftete die Polizei in der vorigen Woche etwa 30 Oppositionelle.

Keine Spur von Konsul Beihl

Von dem Mitte voriger Woche in San Sebastian entführten deutschen Wahlkonsul Eugen Beihl fehlt bisher jede Spur. Fünf Mitglieder einer baskischen Untergrundorganisation hatten den 59jährigen Kaufmann unmittelbar vor Beginn eines Prozesses verschleppt, der gegen 16 baskische Untergrundkämpfer letzten Donnerstag in Burgos eröffnet wurde.

Nato-Rat: Testfall Berlin

Einen bedeutsamen Beitrag zur Entspannung in Europa sehen die Nato-Staaten in einer befriedigenden Lösung der Berlin-Frage..

Feuerpause für Vietnam?

Die Aussichten auf einen zeitlich begrenzten Waffenstillstand in Vietnam sind trotz anhaltender Kämpfe gestiegen. Nach Mitteilung von Außenminister Rogers erwägen die Vereinigten Staaten eine einmonatige Waffenruhe bis zum buddhistischen Neujahrsfest.

Brasilien: Diplomat entführt

In Brasilien ist wieder ein Diplomat entführt worden. Mitglieder einer oppositionellen Untergrundorganisation brachten am Montag den Botschafter der Schweiz in Rio, den 57jährigen Giovanni Enrico Bucher, in ihre Gewalt.

Warschauer Pakt: Auf altem Kurs

Die Partei- und Regierungschefs der Warschauer-Pakt-Staaten trafen sich in der vergangenen Woche unmittelbar vor Beginn der Nato-Rats-Tagung zu einer Gipfelkonferenz in Ostberlin.

Dokumente der ZEIT

"Der Vertrag von Warschau soll einen Schlußstrich setzen unter Leiden und Opfer einer bösen Vergangenheit. Er soll eine Brücke schlagen zwischen den beiden Staaten und den beiden Völkern.

Jerusalem zögert noch

Israel hat sich noch nicht für eine Fortsetzung der Jarring-Gespräche entschieden. Das Kabinett analysierte am Sonntag das Antwortschreiben.

Im Schatten staatlicher Hilfe

Berichte über die gelungene Flucht von Bewohnern der DDR oder von Ostblockstaaten in die Bundesrepublik werden hierzulande mit einer Ende-gut-alles-gut-Befriedigung zur Kenntnis genommen, als wäre der Flüchtling am Ende eines Gruselmärchens angekommen und lebte "fortan glücklich bis an sein Lebensende".

Die Tanten wollen tratschen

Bürger von Westberlin sollen die gleiche Möglichkeit haben, nach Ostberlin zu gelangen, wie die Bürger der Bundesrepublik. Das ist eine der sogenannten Erleichterungen auf dem Wunschzettel, über den im Augenblick noch die vier alliierten Botschafter verhandeln.

Ruf nach Rebellion

An Kandidaten und Richter des Supreme Court, des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, werden höchste ethische Anforderungen gestellt – genügend Anlaß zu politischem Ränkespiel zwischen konservativen und liberalen Kräften im Kongreß.

An Johnsons Seite

Wenige Tage nachdem die Tragödie von Dallas ihren Mann und sie in das Weiße Haus befördert hatte, notierte Lady Bird Johnson: "Ich habe ein Gefühl, als befände ich mich auf der Bühne in einer Rolle, die ich nie geprobt habe.

Starke und schwache Präsidenten

Monographien über die Institution des Staatsoberhauptes in den parlamentarischen Demokratien gibt es kaum; auch entsprechende Biographien und Memoiren sind spärlich, sowohl an Zahl als auch an Ergiebigkeit.

Der Staatsschauspieler

Theodor Heuss: "Tagebuchbriefe 1955 bis 1963. Eine Auswahl von Briefen an Toni Stolper"; hrsg. und eingeleitet von Eberhard Pikart; Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen und Stuttgart 1970; 645 Seiten, 38,– DM.

Spätes Biedermeier

Als der Abgeordnete der Staatspartei TheodorHeuss im Mai 1932 die Außenpolitik des Reichskanzlers Brüning verteidigte und die Nationalsozialisten geißelte, schrie Goebbels ihn an, was er im Reichstag eigentlich noch zu tun habe, wo er doch keine Unterstützung besitze.

David Oistrach dirigiert: Unprätentiös

Wenn Komponisten dirigieren, unterstellt man ihnen willig Sorge um das eigene oder das Kollegenwerk. Beginnen Instrumentalsolisten auch mit dem Taktstock zu musizieren, dann regt sich der Verdacht, die Tugend musikalischer Vielseitigkeit verdanke sich der Not instrumentaltechnischen Rückschritts.

Fernsehen: Ein Engelskampf

Des Mannes, der ein Leben lang für die Befreiung der Werktätigen kämpfte, wurde zu einer Stunde gedacht, abends zwischen elf und zwölf, als die Werktätigen schliefen.

FILMTIPS

Im Fernsehen: "Die phantastische Reise" (1965), von Richard Fleischer. Ein U-Boot mit einem Ärzteteam an Bord wird auf Stecknadelknopfgröße verkleinert und in den Körper eines Mannes injiziert, wo die Mediziner eine lebenswichtige Operation ausführen.

Zwischen allen Stühlen

Ein "Scheißliberaler" – wem wäre er noch nicht über den Weg gelaufen, wem hätte sich dieses liebste der Schimpfwörter aus dem Arsenal der Linken noch nicht in persona gezeigt? Die Welt muß, darf man von der Häufigkeit, mit der dieses Schimpfwort gebraucht wird, urteilen, geradezu bersten vor dieser Spezies Mensch.

Zehn Stichworte zu einem Schimpfwort

1. Sprachliches: Ist jemand im Deutschen übertrieben freundlich, verbirgt also hinter der Freundlichkeit in Wahrheit etwas anderes, dann ist er "scheiß-freundlich".

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