Reformwillige Studentenvertreter haben Anfang der 60er Jahre diese Forderung als erste aufgestellt; als das „Establishment“ unter Führung des Wissenschaftsrates sie nach einigen Jahren akzeptierte, haben die revolutionären Ideologen, die dann im Namen der Studenten sprachen, sieals „Unterwerfung der Studenten unter die Bedürfnisse der spätkapitalistischen Produktion“ erbittert bekämpft. Tatsächlich kann keine hochindustrielle Gesellschaft ihre Fachleute ohne ein diszipliniertes Studium rekrutieren.

Doch die Notwendigkeit der Disziplinierung gilt nicht nur für die Studenten: Ein geordnetes Grundstudium ist nur bei geordneter Arbeitsteilung unter den Lehrkräften möglich. Die verfassungsmäßig gewährleistete Lehrfreiheit meint nicht die Freiheit des einzelnen Professors, nur das zu lehren, was ihn gerade interessiert. Im Rahmen der Anforderungen an Prüfungen und Studiengänge, die von außen festgesetzt werden, müssen daher die Fachbereiche durch Mehrheitsbeschluß verbindliche Lehrpläne aufstellen können; und die Mitwirkung studentischer Vertreter an solchen Beschlüssen ist von der Sache her notwendig, um ihre Lernbedürfnisse und ihre oft berechtigte Kritik an didaktischen Mängeln zur Geltung zu bringen.

Ganz anders sind die Erfordernisse für jene Entscheidungen, bei denen es um die Fortentwicklung der Wissenschaft geht. In einem Kommentar der ZEIT hieß es vorige Woche, der Bund „Freiheit der Wissenschaft“ fordere „mehr Verantwortung des Staates, aber gleichzeitig unangetastete Autonomie der Universitäten“. Solcher Unlogik haben wir uns nicht schuldig gemacht: Aus dem bisher Gesagten geht schon hervor, wie weit wir von der Forderung nach „unangetasteter Autonomie“ der Hochschule entfernt sind, die heute nur von weltfremden Traditionshütern und – aus entgegengesetzten Motiven – von jenen erhoben wird, die aus den Hochschulen Hochburgen der Revolution machen wollen. Aber wir bestehen in der Tat auf autonomen Entscheidungen der wissenschaftlichen Kollektive – ohne Unterschied des hierarchischen „Status“ – über alle Fragen der Fortentwicklung der Wissenschaft, weil dazu nur Wissenschaftler kompetent sind – also über die Bewertung von Promotions- und Habilitationsleistungen (oder anderer Publikationen, die an die Stelle der letzteren treten mögen), über die Auswahl wissenschaftlicher Lehrkräfte und über die Gestaltung von Forschungsprogrammen.

Prinzip Selbstergänzung

Hier geht es in der Tat um die Lebensfrage für die Zukunft der Wissenschaft. Es war für mich erstaunlich, daß ein so wohlmeinender und integrierter Mann wie der Berliner Wissenschaftssenator Werner Stein am Vorabend unseres Kongresses die Meinung vertrat, die „Selbstabgrenzung eines Berufsstandes“ sei „ein völlig undemokratischer Gedanke“. Ich kann nur annehmen, daß Stein, der ja selbst Professor der Biophysik ist, momentan seine Erfahrungen als Wissenschaftler und als politischer Mandatsträger verwechselt hat. In jedem gelernten Beruf müssen diejenigen, die ihn früher, erlernt haben, darüber entscheiden, wer neu die Voraussetzungen zu seiner Ausübung erworben hat; das gilt erst recht für die Wissenschaft, deren methodische Sauberkeit und Leistungsmaßstäbe ohne dieses Prinzip der „Selbstergänzung“ gar nicht bewahrt werden können. Dagegen können und dürfen sich die politischen Mandatsträger freilich in einer Demokratie nicht selbst ergänzen, weil ihre Qualifikation ja nicht primär im – gewiß willkommenen – Fachwissen, sondern in der Fähigkeit zur wirksamen Vertretung der Bedürfnisse der Allgemeinheit oder bestimmter Gruppen besteht

Wir nähern uns hier dem Kern der Kritik an der „demokratisierten Gruppen-Universität“ – daß die wesentlichen Aufgaben der Hochschule ja nun einmal nicht in der Austragung von Interessenkonflikten, sondern teils in der Durchführung von der Gesellschaft übertragener Lehraufgaben, teils in der Fortentwicklung der Wissenschaft bestehen. Die echten Interessenkonflikte, wie die längst fällige Befreiung der Assistenten von persönlichen Abhängigkeiten und allgemein das Niederreißen der Schranken zwischen Wissenschaftlern verschiedener „Anciennität“, sind denn auch nicht innerhalb der Hochschulen, sondern ganz mit Recht im Wege der Gesetzgebung gelöst worden.

Es ist gegenwärtig gewiß nicht möglich, diesen Grundfehler in der Konzeption der Hochschulgesetze ungeschehen zu machen: Dazu bedarf es längerer Erfahrungen nicht nur mit Krisen und Fehlschlägen, sondern auch mit echten inhaltlichen Reformen. Was heute politisch dringend ist, sind Maßnahmen gegen die akuten Gefahren, die hier und jetzt die Freiheit der geistigen Auseinandersetzung an den Hochschulen, die Wahrung ihrer Maßstäbe für wissenschaftliche Leistung und ihre Verantwortung gegenüber der demokratischen Gesellschaft bedrohen – Maßnahmen, die zugleich endlich den Weg für wirkliche Reformen freimachen.

Der Bund „Freiheit der Wissenschaft“ konnte und kann gewiß nicht einen detaillierten Katalog von Vorschlägen für solche Maßnahmen vorlegen – schon deshalb nicht, weil er sich als breite Sammlungsbewegung versteht. Aber die Art von Überlegungen, die hier skizziert wurden, liegen auch seiner Programmerklärung zugrunde und haben auf seinem Gründungskongreß breite Zustimmung gefunden. Die Bedeutung dieses Kongresses lag gerade darin, daß er nicht die von vielen befürchtete (und von manchen erhoffte!) Kriegserklärung „unbelehrbarer Professoren“ gegen „unbelehrbare Politiker“ brachte, sondern daß er angesichts der bitteren Lehren der letzten beiden Jahre zur Zusammenarbeit aller Lernwilligen in den Hochschulen, ohne Unterschied der „Gruppe“, mit allen Lernwilligen in der demokratischen Politik, ohne Unterschied der Partei, aufrief. Jetzt kommt es darauf an, daß der Appell gehört und verstanden wird – auf beiden Seiten.