Von Manfred Sack

Löcher in der Mauer, Löcher im Putz, Dreckschlieren an der Wand, Decken, die eingestürzt sind, Fußböden, die sich geworfen haben, Fensterrahmen, die verfaulen, Pilze, die in Zimmerecken sich wie Pilze verhalten, nämlich wie die Pilze schießen, Farbe, die abblättert, und Wasser, immer wieder Wasser, und Risse, lauter Risse: einzeln wahrgenommen in der Wohnung oder im eigenen Haus, ärgert man sich einen Augenblick; aber wenn man es über zweihundertmal vor Augen geführt kriegt, wendet man sich für einen Augenblick erschüttert ab, nichts im Kopf als eine abgenutzte Redewendung: Das kann doch nicht wahr sein!

Ist aber wahr, und es gibt eine Menge Leute, die sich dessen schämen, sollten, ob sie das Buch nun selbstkritisch betrachten oder es angeekelt beiseite schieben, dieses Buch, dessen Titel beim ersten Lesen so nüchtern klingt, daß man dahinter eine spezielle Angelegenheit einer speziellen Branche und da wieder einer speziellen Gruppe von Berufskundigen (oder -unkundigen) vermutet. Er heißt sehr einfach: „Bauschäden.“ Es ist ein Bildbuch; die Zahl 1 darunter läßt darauf schließen, daß andere folgen werden. Nur zu.

Das Buch dokumentiert eine „Beispielschau“, die auf der 4. Deutschen Bauausstellung voriges Jahr zum erstenmal gezeigt worden war und über die das Vorwort berichtet: „Über 100 000 Besucher erschraken und-staunten, photographierten und notierten, lachten und schimpften, sahen sich angeprangert oder bestätigt, belehrt oder gewarnt. Seitdem sind Baumängel und Bauschaden des Mantels der Tabuisierung entblößt und zum zu bewältigenden Faktum in Baulehre und Baupraxis geworden.“

In 248 Bildern werden Teile von Wohnungen und Häusern gezeigt, die demoliert worden, sind – nicht von ihren Bewohnern, auch nicht von ihren Entwerfern und Herstellern, aber dank der Schlamperei oder der Unwissenheit von Entwerfern und Herstellern durch die sogenannten Mächte der Natur. Hauptmacht: Wasser.

Nicht jeder Bewohner ist fähig, Mängel in seiner Behausung bewußt als eine Folge ganz bestimmter Ursachen zu beurteilen, viele wundern sich nur: über Ecken, die man nicht säubern kann; über kleine Zwischenräume, die sich in der Küche zwischen Kühlschrank, Spültisch und anderen Schränken bilden, weil nur die Küchenmöbelfirma, nicht aber der Architekt sich an die DIN-Vorschriften hielt oder sie gar nicht kannte; über abbröckelnden Putz und Rost an unsauber verlegten Installationen; über den Regen, der ins Wohnzimmer tropft, weil draußen eine Ablaufkante vergessen worden ist; über Heizungen, die nicht heizen, weil sie der Billigkeit wegen falsch placiert sind.

Manchmal rotteten sich die Leidensgenossen zusammen, weil bei ihnen die Ziegelsteine scheibchenweise abplatzten: die „Kalkmännchen“ wüteten, das sind im Backstein eingeschlossene Kalkreste, die nicht rechtzeitig gelöscht wurden und sich jetzt, da sie (zu spät) feucht geworden sind, kraftvoll ausdehnen und Sprengwirkung entwickeln. In einer Siedlung in Kaiserslautern haben sie ganze Häuser zum Einsturz gebracht. Harmloser aber widerlich wirkten die Pilze, die ein Mieter, in der Badewanne liegend, über sich aus der Decke wachsen sah. „Pilze“, erzählte er, „mit langen Stielen und mit richtigen Köpfen.“