Von Rüdiger Löwe

An Kandidaten und Richter des Supreme Court, des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, werden höchste ethische Anforderungen gestellt – genügend Anlaß zu politischem Ränkespiel zwischen konservativen und liberalen Kräften im Kongreß.

Doch mit puritanischer Ethik haben einige Richter nicht mehr viel im Sinn: Richter Fortas ließ sich in obskure Geldgeschäfte mit einem Staatsangeklagten ein, Richter Haynsworth liebt seine (schwarzen) Mitmenschen nicht, und Richter Carswell ist leistungsschwach. Fortas, 1966 von Präsident Johnson zum Mitglied im Supreme Court ernannt, mußte bereits 1970 seinen Abschied nehmen; die Ernennungen von Haynsworth und Carswell wurden erst gar nicht bestätigt. Und nun steht wieder ein Mitglied des Obersten Gerichtshofs im Zwielicht. Grund dazu bot sein Buch

William O. Douglas: "Points of Rebellion"; Random House Inc., New York 1969/1970; 97 Seiten, 4,95 Dollar.

Douglas, von Franklin D. Roosevelt in sein Amt berufen und mittlerweile 71 Jahre alt, ist die schillernde Figur auf dem linksliberalen Flügel der amerikanischen Justiz; seine dissenting opinions werden zuweilen mehr beachtet als die Urteilsbegründungen. Man wirft ihm jetzt vor, er habe sich zu weit in die politische Arena gewagt: In seinem Buch befürworte er die Anwendung von Gewalt gegen Regierung und Behörden, und darum seien seine Entscheidungen in künftigen Demonstrationsprozessen präjudiziert. Besonders wird Douglas angekreidet, daß Vorabdrucke des Buches unmittelbar neben pornographischen Photos in der Zeitschrift Evergreen und im Playboy erschienen sind. Ebenso wie sein zurückgetretener Freund Abe Fortas soll sich Douglas außerdem dunkle Nebeneinnahmen verschafft haben. Derartige Einnahmen sind den Obersten Richtern, aus Sorge um ihre Unabhängigkeit, nicht gestattet (immerhin werden sie für ihre Enthaltsamkeit jährlich mit dem stolzen Gehalt von 60 000 Dollar entschädigt). Und schließlich wird dem greisen Richter verübelt, daß er eine um 45 Jahre jüngere Frau – seine dritte – geheiratet habe.

Dem republikanischen Fraktionsführer im Repräsentantenhaus, Gerald R.Ford, schien die Liste der richterlichen "Verfehlungen" allzu lang. Im Frühsommer beantragte er zusammen mit hundert anderen Abgeordneten Klage gegen Douglas, weil dieser gegen das Gebot "guten Benehmens" für Richter verstoßen habe. Freilich verlief das Verfahren bislang im Sande, denn in beiden Häusern des Kongresses regieren Demokraten. Und bei ihnen ist Douglas ungeheuer populär.

Liest man Douglas’ Bestseller unter all diesen Gesichtspunkten, so mutet es merkwürdig in, daß sich ausgerechnet dieser Amerikaner gegen die Herrschaft von Geldadel und Korruption wendet. Man ist geneigt, ihm sein eigenes Werk zur Lektüre zu empfehlen. Points of Rebellion belegen den messerscharfen Intellekt ihres Autors, weniger seinen Sachverstand. Man wird das Gefühl nicht los, beinahe alles schon einmal woanders gelesen zu haben. Aber ein Oberster Richter und Plagiat? Ein moralischer Allgemeinplatz folgt dem anderen, doch das Verzeichnis der Quellen für die oft brisanten Zitate fehlt. Fakten, die seinen Thesen widersprechen, übergeht Douglas.